Ganz, ganz schlechte Nachricht - ohne JavaScript werden wir hier nichts...

Ein Löffel noch

Noch bin ich in einem Alter, in dem das, was noch nicht so fern ist, deutlich präsenter ist, als das, was lang her ist. Da ist auch oft gut und hilfreich, in diesem Fall aber nicht, denn an das, was in der nahen Vergangenheit liegt, möchte man sich weniger erinnern, als an das Schöne in der Vergangenheit.

Am Donnerstag ist meine Tante Else gestorben, hoch betagt, wie man ohne zu lügen kann, in einem Pflegeheim für Demenz‐Kranke. Sie hat zwei ihrer jüngeren Brüder überlebt und dabei den Vorteil gehabt, dass sie bis vor kurzer Zeit in ihrer eigenen Wohnung lebte. Nachteil war, dass sie mit ihrer Demenz und anderen Krankheiten, viel, viel länger zu tun hatte. Nun Aaber nach einem nächtlichen Ausflug, der mit einem Bruch im Krankenhaus endete, und der Suche meines Vaters nach seiner Schwester, war allen klar, dass das so nicht weiterging. (Nein, klar war das vielen schon früher, nur die Handhabe war nicht da.) Aber da hatte sie noch mal Glück gehabt: Das Heim, in dem sie unterkam, war – wurde mir gesagt – ein schönes Heim und sie war wohlbehütet im besten Sinne.

Deshalb hier nochmal die angenehmen Erinnerungen: Die Fahrten zur Tante Else, die mit meiner Oma zusammengelebt hatte, bis diese starb, waren in unserer Kindheit immer aufregend. Ich kann mich an eine Zugreise erinnern, die wir dort hin gemacht haben, da ist die Zugfahrt gar nicht mehr so Gedächtnis. Im Gedächtnis ist mir jedoch, dass wir über Bahnhofsbrücken zum anderen Gleis mussten und da die hoch waren, die Eltern ordentlich Gepäck hatten, war das kein Vergnügen. Dann noch mit – zumindest mir – an der Hand. Das Ende vom Lied war, dass wir zwar ankamen, aber ein Fotoapparat es nicht geschafft hatte. Die gute Kamera war irgendwo im Zug geblieben. Man vermengt Erinnerungen ja gern, aber es kann gut sein, dass dies die Reise gewesen war, in wir die Oma im Krankenhaus besucht hatten, als sie an Krebs erkrankt war. Da habe ich Bilder vor meinen Augen.

Es waren Weltreisen – von Potsdam nach Apolda, und das blieben sie auch bis zur Wende. Die Züge fuhren, wie sie wollten, und wann man ankam war ungewiss. Mehrstündige Verspätungen waren gang und gäbe – wenn ich heute anfange, mich über Verspätungen der Bahn aufzurgen, erinnere ich mich an diese Zeit zurück und werde automatisch ruhiger. Man sah den Dreck, wenn man durch die Leuna‐Ecke fuhr, und konnte nur staunen. Die Fenster ließ man besser zu.

So wie die Zugfahrt so DDR‐typisch war, so waren auch die Wohnverhältnisse der Tante sehr typisch. Früher war das mal eine Etagenwohnung gewesen. Später dann mussten sich mehrere Familien diese Wohnung teilen, in den Achtzigern, als ich dann dort meine Ferien hin und wieder verbrachte, war es noch eine alte Frau. (Bei meiner anderen Oma war dies übrigens genauso – ein langer Flur; nach rechts ging es in die Küche (in der auch gebadet wurde), nach links ging es zum Wohnzimmer, von dem aus es dann abging zum Schlafzimmer meiner Großeltern, und zum Kinder‐/Gästezimmer samt Wintergarten. Gegenüberliegend vom Wohnzimmer wohnte eine alte Dame – hatte sie ein oder zwei Zimmer, ich weiß es nicht, eine Küche muss aber auch dabei gewesen sein. Die Toilette im Treppenhaus eine halbe Treppe tiefer.) So gab es diesen riesig, langen kalten Flur, von der in Richtung meiner Tante, ein zwei Zimmer nach rechts abgingen und nach links ging es in die Küche. Von der Küche gab es noch mal ein kleines Zimmer, welches in Richtung Bahn herausging und an dem die Züge vorfuhren (donnerten wäre etwas übertrieben, damit verbindet man ja mehr Geschwindigkeit, die es aber so nicht gab).

Die Toilette musste sich mit den Mietern unten geteilt werden, es ging also nicht eine halbe Etage hinuntern, sondern eine ganze. Das war schon eher ungewöhnlich. Meine Schwester erinnert sich immer daran, wie es uns gelungen ist, uns auf dieser Toilette einzuschließen und nicht wieder hinauszukommen. Das Treppenhaus war insofern bemerkenswert, da ein schönes Glas‐Mosaic den Treppenaufgang zierte. Nach der Wende war das verschwunden. Das habe ich gar nicht mehr auf der Latte. Ich weiß aber noch, dass jemand Schafe im Hinterhof gehalten hat. Bei meinen Ferien‐Aufenthalten in den Achtzigern waren die nicht mehr da.

Tante Else konnte kochen und backen – und war damit wie die Oma mütterlicherseits eine Referenz, an der sich meine Mutter und teilweise auch mein Vater messen lassen mussten. Was den Kuchen angeht:  Der Schoko‐Kuchen war einsame Weltklasse, ganz zu schweigen vom sogenannten Schnapskuchen. Und wurde die Tante von uns besucht, so gab es auch die sagenumworbenen Sauerkrautpiroggen.

Zu Hause wurde Brause getrunken, das war das höchste der Gefühle. Cola gab es nicht, wegen der Gesundheit. Die Tante wollte indes nur zufriedene Neffen und Nichten haben, weshalb es natürlich auch Cola satt gab. Und dann war da noch der Nutella‐Topf. Jedesmal, wenn man sie besuchen kam, hatte sie im Intershop einen neues Nutella besorgt, und ich war – wenn ich dann irgendwann aufgestanden war – in der Küche damit beschäftigt, Nutella‐Toast zu essen und Kakao. Das Limit an Toast war schnell erreicht, aber dann ging es mit dem Löffel in das Glas für (mindestens) einen Extra‐Löffel Schoko‐Nuss‐Creme.

Tante Else hatte als Näherin gearbeitet, so gab es für die Eltern immer Stoff‐Taschen. Die sahen für die damalige Zeit sehr, sehr schick aus. Für die Kinder ist mir noch in Erinnerung, dass es Sitzkissen gab (wo die wohl geblieben sind?) und Schlümpfe. Die waren eindeutig für den Export bestimmt, denn wir in der DDR kannten ja keine Schlümpfe.

In der Runde der Geschwister, waren die Schwestern immer die ruhigen. Dominiert wurden die Runden von den beiden älteren Brüdern. Ich erinnere mich, dass Tante Else besonders ruhig und leise war, aber richtig laut lachen konnte.

Sie zog irgendwann nach Potsdam, meine Eltern mochten sie in ihrer Nähe und dem Rest der Familie haben. So wohnte sie nur ein paar Hauseingänge von meinen Eltern entfernt.

In den letzten Jahren kamen zu ihren psychischen Erkrankungen noch Demenz dazu – das Lachen verschwand und sie veränderte sich zusehens. Es ist eine Weile her, dass ich sie sah. Anfangs, nach ihrem Umzug, hatte ich sie jedesmal besucht. Sie wurde ruhiger und ruhiger, fing an in ihrer eigenen Welt zu gehen und irgendwann hieß es mal: »Du solltest sie nicht besuchen gehen, behalte sie so in Erinnerung.« Gesehen habe sie dann doch noch mal, als ich in Potsdam war und meine Eltern nicht. Da machte ich ein paar Besorgungen (unter anderem Toastbrot) für sie und brachte sie vorbei. Wie in den letzten Jahren wohl üblich, lag sie im Bett. Sie erkannte mich, das war schon was.

In Erinnerung behalte ich sie aber lieber mit ihrem lauten Lachen und dem oft vorgebrachten Satz: »Dieser Oliver, der hat’s faustdick hinter den Ohren, gel!«

2016-06-22T13:15:07+00:0019. Oktober 2012|Categories: Dies und Das|Tags: , , , , , |Kommentare deaktiviert für Ein Löffel noch