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Die Eiche

Wir haben eine Eiche im Garten stehen. Das ist nicht ganz exakt: Sie steht im Knick, der aber zu unserem Grundstück zählt. Das ist immer noch nicht hundertprozentig exakt, denn eigentlich haben wir noch eine weitere Eiche, aber die fällt kaum auf, da sie von allerlei Nadelbäumen bedeckt wird und zu unserer allgemeinen Freude ihr Laub nicht in Richtung wirft. Dieser erfreuliche Effekt wird allerdings durch die Eiche auf der anderen Straßenseite negiert, die ihr Bestes gibt, um uns mit ihrem Laub zu beglücken.

Aber die Eiche, um die es geht, ist nicht zu übersehen, wenn man vor unserem Grundstück steht und schon gar nicht, wenn man im Garten steht. Schon vor sieben Jahren schrieb ich, dass ich nicht wüsste, ob das, was wir da Rasen nennen, jemals einer gewesen ist. Ich habe mich immer auf die Behauptung zurückgezogen, dass es sich eigentlich um eine Wiese handeln würde. Auf einer Wiese kann ich diverse Kräuter und Moos akzeptieren. Robosheep läuft drüber und verrichtet alle zwei Tage sein Möglichstes, um die wilde Natur in Griff zu bekommen. Manchmal bekommen Löwenzahl & Co. ein wenig Gelegenheit, sich zu behaupten, aber nur wenn wir nicht da sind und sich Robosheep irgendwo schlafen gelegt hat, weil ihm ein zu großer Ast der Eiche ins »Maul« geraten ist.

Als ich vorgestern in den Garten ging, weil ich Robosheep regungslos am Wiesenrand herumstand, hatte ich böse Vorahnungen. Ich ging unter der Eiche entlang und sah, dass sie diverses Astwerk verloren hatte. Ein wenig merkwürdig, wo das Wetter sonnig und windstill war. Kein Gewitter, kein Lüftchen weit und breit. Da stockte ich: Was lag denn da? Ein totes Tier von der Größe eines Eichhörnchens, allerdings war das Fell bräunlich weiß. Es sah, wie es da so lag, ein wenig aus wie Sid aus Ice Age. Der Vergleich hinkt ein wenig, da Sid ein Faultier ist und die Kopfform komplett anders ist, von der Größe mal ganz zu schweigen. Zumindest lag es faul da. Ich drehte es ein wenig, am Hals hatte es ein paar Spuren, die da nicht hingehörten.

Ich schaute nach oben, aber es schien mir nicht ganz wahrscheinlich, dass es von der Eiche gefallen war. Die Pfoten sahen nicht gerade danach aus, als würde das Tier gut klettern können. So konnte ich Selbstmord durch Springen schon einmal ausschließen.

Es konnte auch ein plötzliches Ableben gewesen sein, weil es sich über irgendetwas schrecklich erschrocken hat.

Aber da waren die Spuren am Hals. Und Robosheep stand ein wenig entfernt entgeistert und regungslos herum. Vielleicht war es ein Rasenmäher‐Unfall mit anschließender Fahrerflucht. Ein Indiz dafür war, dass der Robosheep gar keinen Ast oder Zweig unter sich hatte, der ihn an der Weiterfahrt gehindert hätte. Statt dessen gab es eine Meldung, dass sein rechter Stoß‐Sensor (oder so ähnlich) defekt wäre. Was für sich schon keine gute Nachricht. Aber auf solche Art werden ja die meisten flüchtigen Fahrer gefasst. (Wenn man das jetzt weiter denkt, sieht man schon die Diskussion, die man in eine paar Jahren bei autonomen Autos haben wird: »Nein, das Auto ist nicht wirklich geflüchtet. Es hat ja noch einen Notruf abgesetzt, aber der Insasse hatte einen dringenden Termin und da kann man doch mal Rücksicht drauf nehmen, oder?«)

Die Beste aller Ehefrauen schloss natürlich sofort die Unfalltheorie, den Selbstmord und den plötzlichen Herzanfall aus und meinte: »Wird wohl einer Katze ins Maul gefallen sein.«

Ich habe dann mal im Internet recherchiert, was es wirklich ist: ein Mauswiesel. Sieht ja gar nicht so besonders gefährlich aus und zur allgemeinen Beruhigung kann ich auch sagen, dass es Menschen nicht gefährlich wird (manche wollen es auch als Haustier halten). Aber ein Kaninchen, beispielsweise, sollte ein nahendes Mauswiesel nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn an dem vergreifen sich die kleinen Marder schon mal. Katzen wiederum haben es mit Kaninchen nicht so, aber sind offenbar der Jagd auf ein Mauswiesel wohl nicht abgeneigt.

Aber Katzen haben ja an ziemlich viel Interesse. George jagte am Sonntag einem Frosch über den Rasen hinterher, der über den Rasen sprang. Er hatte schon das Interesse verloren an dem komischen Kauz verloren, der sich so ungewöhnlich fortbewegte, da nahte die Beste aller Ehefrauen zur Rettung des Frosches. Das fanden dann weder der Frosch noch der Kater wirklich lustig. Der Kater eilte in die eine Richtung, der Forsch hüpfte in die andere Richtung und ein Wort des Dankes, bekam die edlere Retterin von keinem der beiden.

Ein Freund der Familie stand neulich unter der Eiche und meinte: »Diese Eiche. Die nimmt soviel Platz in Anspruch. Normalerweise könnte man da ein  Einfamilienhaus plus Grundstück drauf platzieren.« Es gibt einige gute Gründe, warum wir das Grundstück damals gekauft haben, obwohl das Haus – sagen wir mal so – nicht unbedingt das Non‐Plus‐Ultra ist. Die Eiche war ganz gewiss ein gewichtiger. Da konnte ich auch nicht ahnen, dass mich dieser Baum von Oktober bis Mai mit seinem Laub beschäftigen wird. Ein wenig arglos war ich da schon.

Andererseits gibt es wenig schöneres, als unter der Eiche zu sitzen und einfach im Garten herum zu schauen.

Hin und wieder schaut man mal nach oben und sieht Äste, die bald herunterkommen könnten. Aber das ist alles kein Drama, sagte uns ein Baumdoktor, den wir vor einem Jahr mal bei uns hatten. Die Eiche, so sah es für uns aus, kränkelte ein wenig. Die Blätter waren nicht so kräftig, wie die Jahre zuvor. Der Doktor schaute sich den Baum an und meinte nur: »Der könnte mal einen Schnitt vertragen.« »Wann?« »Naja, jetzt oder in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren.«

Er bereitete uns auch darauf vor, dass Unverhofftes geschehen kann:

»So ein Ast kann auch mal runterkommen.«

»Wie runterkommen?« fragten wir.

»Wird ihm zu schwer und dann wirft er ihn ab. Das kann dann auch mal ein ganz Großer sein.«

Ich habe da schon ein paar Kandidaten, die ich als Eichen‐Baum wegwerfen würde. Aber wer bin, dass ich, als ich das entscheiden würde.

Jetzt wo der Herbst kommt, weiß ich, dass meine Bindung zu dem Baum sicher durch einige saftige Flüche gestärkt werden wird, wenn ein Sturm kommt und dieser ungünstig das Laub fallen lässt. Noch blicke ich nach oben und sehe viel grün. Aber die ersten Blätter werden schon gelb. Die ersten Äste warten auf den Sturm. Dann ist es auch Zeit für Robosheep in den Winterschlaf zu gehen und die Mauswiesel müssen aufpassen, dass sie nicht von Ästen erschlagen werden. Die Katzen haben in der Zeit keine Zeit mehr für die Wieselchen, denn bei solchem Wetter liegen sie lieber drin auf der Couch.

2016-09-14T22:48:23+00:0014. September 2016|Categories: Dies und Das|Tags: , , , , , , , |Kommentare deaktiviert für Die Eiche