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Der Bürgermeister und das Schweinefleisch

Kettenbriefe waren schon immer eine Unsitte. Verbreiten konnten sie sich nur, weil irgendwer dran glaubte. Dabei sollte man die per Post schicken, das hat also auch noch Geld gekostet. Heute ist das ja viel einfacher: Die Funktion heißt „Teilen“ bei Facebook und schon ist jeder Schmarren fix verbreitet. Aber auch jeder…

Am Wochenende wurde verbreitet, dass die Stadtverwaltung von Dresden PEGIDA-Gegendemonstranten Geld bezahlen würde. Man könnte in Ruhe darüber nachdenken, aber nein! Es wird geteilt und im besten Fall ein halbzweifelndes „Ist ja wohl nicht wahr?“ dahinter geschoben. Das erinnert wiederum ein wenig an die Taktik der Yellow Press, die ihre Schlagzeilen nicht mit „XYZ war untreu“ auf das Titelblatt bringt sondern mit „XYZ unter?!?“, womit man rechtlich gesehen wohl keine Behauptung aufstellt.

Heute ging es um Schweinefleisch. Der Bürgermeister eines Vororts von Montreal (Dorval) soll auf die Petition muslimischer Einwanderer geantwortet haben. Der O-Ton lässt sich so zusammenfassen: Schert Euch zum Teufel! Es gäbe eine jüdisch-christliche Tradition und die würde in diesem Land (also Kanada) zählen. Wem das nicht gefällt, der kann dahin gehen wohin der Pfeffer wächst.

Abgesehen davon, dass die Juden das ja auch nicht so mit Schweinefleisch haben, also auf diese gemeinsame Tradition durchaus verzichten können, denke ich mir dann immer: Aha, wo haben die das denn her?

Da der Text in der Regel als Bild daherkommt, muss man ein wenig was abtippen und in die Suchmaschine des Vertrauens eingeben. Ich habe mir nicht so viel Zeit genommen, wie das die Profis machen, aber als Quelle war wohl „https://staseve.wordpress.com/…/montreal-brief-eines…/“ auszumachen

[Update August 2015: Die Webseite wurde von WordPress geschlossen. Der Link wurde deshalb entfernt.]. Eine Quellenangabe auf dieser Seite, denn in Deutschland war sicher nicht der Ursprung der Meldung: Fehlanzeige.

Aber es gibt ja einen Ort und einen Titel, da wird ja wohl was im Netz zu finden sein. Schon die erste Seite, die mir genannt wird, beinhaltet die Meldung und ich sah, dass der veröffentlichte Gag gleich wieder dementiert wird. Man schaue hier nach: http://laughingconservative.blogspot.de/…/montreal…

Die verwiesen wiederum auf eine ganz andere Seite, auf der die Info zu finden ist, dass die Meldung eigentlich mal in Belgien in Umlauf gebracht worden ist. Wahr war sie dort auch nicht. Aber wenn man die Meldungen vergleicht, ähneln sie sich fast aufs Wort.

Nun muss man das ja nicht glauben. Nein, man kann dem noch weiter nachgehen. Aber an der Stelle sollte man vielleicht schon skeptisch geworden sein.

Ein bisschen Skepsis – mehr will ich doch gar nicht! Ist das so schwer?

Statt das Gehirn einzuschalten und zehn Minuten einer Meldung nachzugehen, wird lieber daher gegangen und so ein Blödsinn geteilt, über die Politiker geschimpft und sich über die Lügenpresse aufgeregt. Man kann gar nicht so viel essen wie man kotzen möchte. Und das will bei mir und meinem Appetit schon was heißen.

Abschließend, wie ich es auch unter diesen Post geschrieben habe: Ganz ehrlich – mir sind die Extremisten unter den Muslimen ziemlich zuwider. Aber die Idioten, die uns mit solch einem Krams versuchen aufzuhetzen, genauso.

[Update – 7. Februar 2015: Der Screenshot wurde entfernt, da der Autor des für mich initialen Posts aus Copyright-Gründen darum gebeten hat. Dem bin ich aus zwei Gründen nachgekommen: Zum Einen wurde der Facebook post gelöscht und zum anderen hat er freundlich den direkten, persönlichen Kontakt gesucht.]
2016-11-05T07:34:34+00:00 4. Februar 2015|Categories: Dies und Das, Meinung|Tags: , , , |6 Comments

6 Comments

  1. […] hatte ich nur eine Dusche im Sinn, meldete mich in der Heimat und führte ein Klärung wegen der Bürgermeister-Geschichte durch, gönnte mir bei dem Thailänder in der Mall ein wenig thailändisches Essen (ohh, war das […]

  2. Löffel 9. Februar 2015 at 20:03

    Nun ja, manchmal ist es ganz einfach. Der Bürgermeister von Dorval, Quebec, Kanada, hat mir per Email auf meine Nachfrage hin bestätigt, dass er dergleichen nicht verlautbart hat. In diesem Sinne, schönen Abend noch.

  3. Martin Glaubitz 18. Februar 2015 at 1:31

    Schade zu lesen, dass der Brief des Bürgermeisters von Dorval ein Fake sein soll. Der Inhalt ist absolut berechtigt und wünschenswert, dass irgendein Politiker bei einer passenden Gelegenheit, ihn verwendet – und wenn er dazu nur den Bürgermeister von Dorval „zitiert“ und nichts eigenes dazu schreibt.

    • Oliver 18. Februar 2015 at 10:45

      Ich kann nicht erkennen, was an dem Inhalt wünschenswert sein könnte. Er kommt mit der gleichen Intoleranz daher, die den Muslimen pauschal in dem Schreiben vorgeworfen wird. Unsere Politiker sollten den Prinzipien des Edikts von Potsdam, der Aufklärung, den allgemeinen Menschenrechten und unserem Grundgesetz folgen. Beziehungsweise sind dazu verpflichtet.

      Das Argument, dass die muslimischen Staaten sich auch nicht dran halten, kann nicht mehr hören und halte mich an meine Eltern, die zu uns als Kindern immer gesagt haben: „Uns interessiert nicht, was Andere machen. Wir haben unsere eigenen Regeln!“ Die oben aufgeführten Prinzipien sind sehr gute Prinzipien, wir sollten sie achten. Sie gelten für Jeden in unserem Lande – mit allen Rechten und Pflichten, für jede Glaubens- oder Nichtglaubens-Richtung. Man kann sich aus ihnen keine Rosinen heraus picken und nur das Beste nehmen. Ich habe, Gutmensch der ich bin, mal die Links zum Nachlesen hinzugefügt.

      Ich bin mir indes ziemlich sicher, dass es bestimmte Politiker geben wird, die diesen „Brief“ nur zu gern als Kopiervorlage verwenden werden. Anlässe brauchen diese aber nicht…

    • E.C. 2. März 2015 at 16:09

      Schade, dass die Musels bei uns den Kölner Dom nicht gesprengt haben, dann hätte man sie noch besser hassen können. In der Bahn in England „fragte'“ mich ein National Front Anhänger „Why do Blacks stink?“ Seine Antwort war „Because blind people must hate them, too.“ Absurder kann man Rassismus kaum begründen.

      Aber machen wir es doch mit der anderen Seite ebenso: Was könnte man denn Juden alles mit so einer Lügenkampagne andichten? Angeblicher Brief eines Funktionsträgers deutscher Bankhäuser, mit denen sie das Ansinnen, alle deutschen Geldinstitute durch den ZdJ beaufsichtigen zu lassen, zurückweisen. Angeblicher Brief der Bundesregierung, mit dem dementiert wird, dass man das Ansinnen Israels zurückgewiesen hat, die HDW U-Boote in Zukunft umsonst zu bekommen.

      Es handelt sich bei dieser Sache nicht um etwas, über das man sich freuen kann, weil die „Richtigen“ ihr Fett abbekommen, sondern um üble Nachrede mit gleich zwei Opfern: die Musels und die Gutmenschen/Linken, denen dieser Brief nicht aus dem Herzen spräche. Übrigens, das mit dem Schweinefleisch und den jüdisch-christlichen Werten hat mich wirklich zum Lachen gebracht.

  4. […] Auch eine deutsche Seite setzt sich sehr seriös mit dem Thema auseinander. Mehr dazu auf terra-gallus.de. […]

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