Das Gespräch begann mit einer halben Wahrheit.

Schon bei der Anfahrt hatte ich mich gewundert, was für ein Auto in unserer Einfahrt steht. Silber, sauber – nicht schwarz und dreckig wie Unsere, oder gelb, wie die unseres Lieblingslieferanten mit den drei Buchstaben. »Annegret wird es nicht sein… Ob was passiert ist?«

Zwei Männer, die ich nicht kannte, standen vor dem Wagen, der vermutlich ihr eigener war. Der eine Mann war in den Sechzigern, der andere in Siebzigern. Dem Arbeitsleben entfleucht machten sie nun wohl dörfliche Auffahrten unsicher. Sie gaben ihr Vorhaben zu verschwinden auf, als sie mich auf die Auffahrt rollen sahen.

Gern wäre ich in direkt in die Garage entschwunden – Tür auf, Auto rein, Tür zu, ich weg. Schlechterdings unmöglich, da ich kein automatisches Tor für die Garage habe. Selbst wenn ich, wie in der Zeit vor dem Einbruch, in die offene Garage hätte rollen können, wäre ich an den Herrschaften nicht vorbei gekommen. Es gibt keine zweite Tür in der Garage, durch die ich hätte flüchten können. Wir haben immer noch kein perfektes Haus.

Es fing an zu nieseln. Bei elf Grad Außentemperatur im Januar ist es erlaubt, von »warmen Nieselregen« zu sprechen. Macht den Regen nicht besser, nicht schöner. Es regnete jedoch nicht so, dass ich hätte erstmal im Auto sitzen bleiben können, wie ich es manchmal tue, wenn gutes Stück Musik oder Text aus dem Äther tönt – oder halt Wasser in Massen aus einem wenig heiteren Himmel fällt. Ich stieg aus, mich schwindelte es und dann der Jüngere begann das Gespräch, vermutlich mit einer Lüge.

»Gut, das wir mal jemanden antreffen.«

Ich bin nun schon zweieinhalb Wochen zu Hause und die beiden Herren waren schon mal da gewesen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Auch an einem Mittwoch. Annegret, unsere Zugehfrau rief mich mit den Worten »Komm mal, da sind fremde Männer auf dem Gehöft!« herbei. Hatte sie Gehöft gesagt? Ich sag’s ja nicht, und fand es schmeichelhaft, also wird es wohl so gewesen sein. Da klingelte es schon und die Beste aller Ehefrauen eilte an die Tür. Es fielen ihrerseits Worte wie »Nein.«, »Keine Zeit.«, »Kein Interesse.« Dann fiel die Tür ins Schloss.

Ich schaute aus dem Fenster, erkannte die Harmlosigkeit der Männer. Pech gehabt, an die Beste aller Ehefrauen zu geraten, die das mit dem Abblitzen lassen wohl im Blut hat. Ob das ein Berufs– oder Geschlechterspezifikum ist, ist mir auch nach fünfzehn Jahren noch nicht ganz klar. (Ganz egal, später meinte die Frau, dass die Kerle uns nur ausspionieren wollten. Nun ja.)

Nun waren sie wieder da und der Jüngere begann das Gespräch.

»Was haben Sie für ein Verhältnis zu Gott?«
»Gar keines. Ich glaube nicht an Gott.«
»Warum?«

Das ist eine gute Frage. Vermutlich, weil ich so erzogen und geprägt wurde. Später ist dann niemand mit schlagkräftigen Argumenten gekommen, die mich zum Glauben an irgendeinen Gott hätten bewegen können. Nicht, dass man es nicht versucht hätte.

»Ich habe andere Erklärungen für die Welt gefunden, eher wissenschaftliche, und halte mich lieber daran.«
»Ich bin Wissenschaftler und ich glaube an Gott. Ich bin Chemiker.«

Hui, es muss einen Gott geben! Statistisch ist es doch nicht zu erklären, dass ich als Nicht-Naturwissenschaftler mit so vielen Chemikern in Berührung gekommen bin. Es gibt sicher ganz viele Menschen, die haben noch nie einem Chemiker die Hand geschüttelt, während sie mir die Bude einrennen. Ist das ein Zeichen? In der Zeit redete er weiter.

»Aber«, meinte ich, »Sie sagen doch Glaube an Gott?« Nicken. »Dann können Sie doch glauben. Ich nehme Ihnen das nicht. Aber ich tue es nicht.«

»Jaaaa. Aber wie stehen Sie zur Bibel?«

Ach ja, dieses Buch – hab’s angefangen zu lesen, fand es nicht so besonders gut lesbar. Ich musste aus der Nummer irgendwie herauskommen. So ein Schwindelgefühl wird nicht besser, wenn man in relativ warmem Nieselregen steht und aus den Augenwinkeln bemerkt, dass man auf der Rücksitzbank noch einen wenig kleidsamen Lidl-Beutel mit Prospekten aus dem September liegen hat, und vor sich einen Mann, dessen Aktentasche gewiss auch mäßig interessanten Lesestoff aufweisen würde, den er mir nur allzu gern übergeben würde. Wo mir im Augenblick so gar nicht nach Lesen ist.

»Ich finde«, antwortete ich, »die Bibel aus kultureller Sicht sehr interessant. Ich kann mich sogar mit den moralischen Geboten identifizieren, richte mich danach. Dafür muss ich aber nicht an Gott glauben.«

»Unsere Gesellschaft«, erwiderte der Jüngere, »baut auf den Geboten auf.«

»Das ist so. Ich richte mich danach, führe also ein moralisches Leben. Und sollte«, vielleicht gestikulierte ich auch dazu auch ein wenig, »also sollte der Fall eintreten, dass ich nach meinem Abtreten, ich mich doch vor einem Herren verantworten muss, so bin ich zuversichtlich, dass er mit meinem Leben recht zufrieden sein würde.«

»Hmm«, meinte wieder der Jüngere – der Ältere hatte immer noch nichts gesagt -, »das kann sein, aber Sie müssen sich zu dem Herren bekennen. Denn es steht geschrieben, dass wer nicht für ihn ist, gegen ihn sein.«

»Oh, da müssen sie aber aufpassen, wenn sie das so sagen. Wir haben im Augenblick Zustrom von einer Menge Leuten, die das von ihrem Gott auch sagen und den werfen wir das vor. Ganz gefährliches Glatteis!«

Dem Älteren rutschte ein leichtes Grinsen übers Gesicht.  In mir reifte die Erkenntnis, dass wenn ich nicht zum Glauben der älteren Männer übertrete oder das Gespräch beende, ich noch bis zum prophezeiten Weltende auf meiner Auffahrt diese Thematik diskutieren würde. Der Nieselregen würde irgendwann aufhören, aber ich stände während dessen dem DHL-Wagen mit den Päckchen für die Beste aller Ehefrauen im Weg. Der Jüngere, so viel war sicher, würde nicht aufgeben.

»Wissen Sie,« meinte der Jüngere der Älteren, »dass in der Bibel auch geschrieben steht, wie es weiter geht?«

Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob er das genau so gesagt hatte, aber so meinte er es und mir gab es eine Exit-Strategie aus dem ziellosen Gespräch.

»Sehen Sie, wir kommen nicht zueinander. Wenn Sie glauben, das alles in dem Buch so kommen wird, wie es kommen wird, und ich würde es auch glauben, dann könnte ich ja doch nicht ändern. Es steht ja geschrieben. Sie glaube daran, ich nicht. Es ist aber nicht sinnvoll, das hier im Regen zu diskutieren. Nichts für ungut.«

Sie nickten, boten mir als offenbar völlig hoffnungsloser Fall nicht einmal ein wenig Lektüre an. Ich stieg in meinen Wagen, bugsierte ihn in die Garage. Sie fuhren weg.

Im Haus begrüßte ich Annegret und fragte sie, was sie mit den Herren gemacht hat.

»Welchen Herren?«
»Die hier missioniert haben«, meinte ich.
»Habe ich nicht gehört, ich habe gesaugt.«

Ein unerwarteter Zusatznutzen des Staubsaugers.

»Die waren doch neulich schon hier.«

Genau.