»Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.« – Paris Hilton*

Früher, also vor fünf bis fünfzehn Jahren, hatten wir es noch leicht. Fragte jemand: »Wo hast Du das her?« konterte man mit »Frag Google!«. So leicht sollte man es sich heute nicht mehr machen. Die Gefahr, irgendeinen Bullshit aufs Butterbrot geschmiert zu bekommen, ist recht groß. Mein Eindruck ist, dass im Netz immer häufiger Artikel nach dem Motto von Pippi Langstrumpf veröffentlicht werden – »Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neuen, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.« Wenn es nun Kurzerzählungen und Romane wären, die da veröffentlicht würden, könnte man von einer kulturellen Bereicherung sprechen. Wenn… Ist aber nicht so.

Man kann einen Spruch in großer Schriftgröße und in schöner Schrift auf das Bild einer bekannten Persönlichkeit stellen. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass das Zitat wirklich von der abgebildeten Person stammt.

Gestern war es wieder mal so weit: Ich sah bei Facebook ein Bild von Harry S. Truman und dieser sagte auf dem Bild:

Harry S. Truman hat so einiges gesagt...

»Political correctness ist eine Doktrin, die von einer verblendeten, unlogischen Minderheit gehegt und die von den kranken Mainstream-Medien unterstützt wird, die nämlich die Behauptung aufrechterhält, dass es tatsächlich möglich ist, ein Stückchen Scheiße an seinem sauberen Ende aufheben zu können.«

Mainstream-Medien? Der gute alte Harry? Ein Gefühl im Bauch sagte mir, dass ich es mit Bullshit zu tun haben könnte. Warum? Ich hielt das Wort »Mainstream-Medien« für einen recht modernen Begriff. Aber ich bin vor Irrtum nicht gefeit.

In den unter dem Bild stehenden Beiträgen wurde nach einem Beleg gefragt. Jemand warf unseren Freund Google an und bekam vom großen Orakel eine Antwort ausgeworfen. So war ich beruhigt, musste ich mich nicht selbst auf die Suche machen. Klickte aber auf den Link. Vielleicht war das ein Fehler.

Es geht los mit:

Mein Nachbar hier in Chorrera klärte mich auf; er ist Amerikaner aus Missouri, USA.

Die gute Nachricht zuerst: Ich weiß jetzt, dass es Chorrera gibt und wo es liegt. (Es soll auch eine Reihe von Wasserfällen dort geben, woraus sich der Name der Stadt in Panama ergibt.) Die schlechte Nachricht: Wenn eine Geschichte schon so anfängt, dann werde ich misstrauisch. Außerdem fand ich die Umgebung, in der die Geschichte veröffentlicht wurde, etwas merkwürdig – sprich das Ambiente sagte mir nicht zu. Deshalb hatte ich es wieder im Bauch.

Ich schreibe jetzt nicht, wie ich hätte suchen können, sondern wie ich gesucht habe. Der Pfad ist nämlich nicht so geradlinig, wie er hätte sein können.

Die Geschichte trägt eine eindeutige Quellenangabe in sich – den Nachbarn – und eine sekundäre: The Harry S. Truman Library and Museum in Independence. Eine Orakel-Befragung nach »Truman«, »Library« und »Political Correctness« sollte verlässliche Ergebnisse liefern. Im besten Fall sollte die Truman Library als erstes Suchergebnis zu finden sein.

orakelbefragung

Ohh, ist nicht die Top-Adresse? Ich folgte dem ersten Link und landete bei Snopes. Dort ist das Zitat, seine Entstehungsgeschichte und eine Bewertung zu finden.

The Truman Story (Quelle: Snopes)
»For the last six odd years, almost all of the things I wanted to write or say, have been stymied by a recently coined term referred to as »POLITICAL CORRECTNESS«! Although I consider myself rather fluent in the English language, that term was not in my vocabulary. My curiosity got the best of me and I decided to do a little research and after two weeks of chasing fruitless leads, I found what I’d been looking for at the Truman Library and Museum in Independence Missouri. A unnamed source there sent me copies of four telegrams that were between Harry Truman and Douglas MacArthur on the day before the actual signing of the Surrender Agreement. The contents of those four telegrams below are exactly as received, not a word has been added or deleted!«

 

(1) Tokyo, Japan 0800-September 1,1945
To: President Harry S Truman
From: General D A MacArthur
Tomorrow we meet with those yellow bellied bastards and sign the Surrender Documents, any last minute instructions!

(2) Washington, D C 1300-September 1, 1945
To: D A MacArthur
From: H S Truman
Congratulations, job well done, but you must tone down your obvious dislike of the Japanese when discussing the terms of the surrender with the press, because some of your remarks are fundamentally not politically correct!

(3) Tokyo, Japan 1630-September 1, 1945
To: H S Truman
From: D A MacArthur and C H Nimitz
Wilco Sir, but both Chester and I are somewhat confused, exactly what does the term politically correct mean?

(4) Washington, D C 2120-September 1, 1945
To: D A MacArthur/C H Nimitz
From: H S Truman
Political Correctness is a doctrine, recently fostered by a delusional, illogical minority and promoted by a sick mainstream media, which holds forth the proposition that it is entirely possible to pick up a piece of shit by clean end!

Snopes hat das Internet geprüft und geschaut, wann dieser Meinungsaustausch das erste Mal erwähnt wurde. Die Untersuchung fand Folgendes heraus:

Obwohl der 2. Weltkrieg eines der einflussreichsten und gut untersuchten Ereignisse der modernen Geschichte ist, waren Beweise für diesen angeblichen Telegramm-Austausch zwischen Truman und MacArthur vor 2015 praktisch nicht existent im Internet.

In dem längeren Artikel wird ausführlich auf die Wortwahl eingegangen, aber ich war da schon so gut wie weg und dachte mir: Ist ja schön, wenn Snopes das so sieht, aber vielleicht ist ja im Online-Auftritt der Bibliothek was zu finden. Es gibt eine Suchfunktion auf deren Seite, die von Google gestellt wird. Man findet einiges zu McArthur und auch Nimitz. Auch das Wort »political« kommt vor und, man mag es nicht glauben, sogar »correctness« findet sich. Ich fand aber keine Ergebnisse, die sich auf die Telegramme beziehen, die 1945 zwischen Washington und Tokio hin und her gefunkt wurden.

Wenn man »McArthur« und »political correctness« eingibt, gibt es ebenfalls Resultate – mich täte alles andere auch wundern. Schließlich war McArthur einer der bedeutendsten Feldherren der USA gewesen, das zu der Zeit von Trumans Präsidentschaft. Es versteht sich, dass die Herren sich ausgetauscht haben, und irgendwo diese Wörter auftauchen. Allerdings fand ich von den Telegrafen keine Spur.

Wahrscheinlich, mag man jetzt einwenden, ist das Dokument noch nicht online verfügbar. Das wäre eine Möglichkeit.

Ich ging zurück zu den Ergebnissen des Orakels und nahm mir die Webseite des zweiten Ergebnisses vor. Hier stand es noch deutlicher:

President Harry Truman Defined Political Correctness in Telegraph-

Fiction!

Welche Beweise führen die Leute von truthorfiction.com für ihr Resultat an? Nun, sie haben in der Bibliothek nachgefragt und dort stellte man fest, dass in den Unterlagen kein solcher Meinungsaustausch vorhanden wäre. Das allein ist natürlich auch kein Beweis, dass Unterlagen verschwinden können, haben wir in Deutschland – wir sind für unsere Korrektheit bekannt – auch schon ein paar Mal erleben dürfen.

Es gibt allerdings weitere Indizien, die gegen die Echtheit der Geschichte sprechen.

  • In dem Telegramm steht C.H. Nimitz. Allerdings wäre das falsch, denn der betreffende Oberbefehlshaber hieß Chester W. Nimitz. Ein Abtipp-Fehler ist ja unwahrscheinlich, denn die Wiedergabe erfolgte »exactly as received« (s.o.) (Quelle: truthorfiction.com)
  • Ich habe nachgeschlagen, wie es um den Begriff Mainstream steht: Dieser ist schon ziemlich lang bekannt und Harry S. Truman dürfte ihn auch gekannt haben. Das Aber besteht aber darin, dass der Begriff im Zusammenhang mit Medien (Mainstream-Medien) erst seit den 1980er Jahren besteht. Sollte Harry S. Truman zwei Begriffe auf einmal geprägt haben?
  • Da ich auf der Etymologie-Seite schon war, konnte ich auch gleich prüfen, wie es um den Begriff politisch korrekt steht: Auch hier war das Ergebnis ernüchternd – in den 1970er Jahren begann man den Begriff so zu nutzen, wie wir es heute tun. (weitere Ausführungen dazu auch auf Snopes in Englisch)

Ich habe keine Zweifel mehr: Es handelt sich um ein Fake und der ehrenwerte Harry S. Truman hat vieles gesagt, aber das nicht.

Damit komme ich noch einmal zurück zu der deutschen Quelle. Der Ursprung wurde gefunden und sich viel Mühe mit der Übersetzung gemacht. Auf die Idee, mal kurz zu recherchieren, was es damit auf sich hat, kam der gute Mann, der das © gesetzt hat, aber nicht. Er hätte sich viel Arbeit sparen können! So hat er ein nicht existierendes Zitat in den deutschen Internet-Kosmos gebracht. Gratulation! Es wird von allen Seiten immer dann herausgeholt werden, wenn die vermeintlich politische Korrektheit einem mit ihren spitzen High-Heils wieder auf dem Fuß herumtrampelt.

Warum das Ganze laut der Überschrift zum »Schmunzeln« sein soll? Ahh, weil Truman das Wort »Scheiße« gesagt hat. Hihi, der Präsident hat das böse Wort gesagt! Ach nee, hat er ja nicht. Blöd!

Überhaupt: Man kann den Namen des Verfasser mal in einem Orakel der eigenen Wahl eingeben. Ich fand auch diese Ergebnisse aufschlussreich. Gar nicht so sehr, was er geschrieben hat, sondern vielmehr, in welchen Online-Publikationen seine Artikel veröffentlicht werden.

* Stimmt natürlich nicht. Die Idee der falsch zugeordneten Sprüche fand ich beim Känguru ziemlich lustig. Aber es hat schließlich auch keine Zitate erfunden. Oder? Und wenn, dürfte ich es sagen? Kängurus gehören zu den Beuteltieren, sind in Europa sehr selten und zu dem, wenn sie denn hier sind, Migranten aus Australien. Ganz weit wech. Da darf man doch nichts sagen, oder?