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Ab auf’s Boot

Wir sind beratungsresistent. Nur zu dieser Schlussfolgerung kann man kommen, wenn wir zusammenfassend für das Geschwisterding gestehen müssen, dass wir weder dem Tipp mit dem gelben Boot gefolgt sind (haben stattdessen die touristische, teurere Variante gewählt) und das Schwesterchen außer dem obligatorischen Kühlschrankmagneten auch noch einen Fahrradkorb erstanden hat, womit sie auch den zweiten Tipp »Hier müsst Ihr nichts kaufen. Das gibt es alles auch in Berlin und das billiger« in den Wind geschlagen hat. Da hat sich der Mann so viel Mühe gegeben, und dann das. Immerhin ist es gut für die dänische Wirtschaft.

Gestern war, wie erwartet, ein sehr feuchter Tag. Ich habe versucht das zu ignorieren und durch die etwas kindische Weigerung, eine Jacke anzuziehen, den Regengott zu besänftigen. Genutzt hat es letztlich nichts. Wir haben die Tour über die Rosenborg hin zur Amalienborg gemacht. Am Wasser wurde es etwas frisch und fing auch an zu nieseln. Am Kai lagen viele Kriegsschiffe, irgend ein Manöver stand wohl bevor oder war zu Ende. Auf jeden Fall war Tag des offenen Schiffs, aber nicht zu der Zeit, zu der wir da waren. Ein freundliches »Hallo« gab es von uns für die »Schleswig‐Holstein«, die dort auch mitmachte. Wir wanderten weiter Richtung Nyhavn und da es immer unangenehmer wurde entschlossen wir uns, doch eine dieser Hop‐On‐And‐Stau‐Touren zu machen. Die Busse auch WLAN, so konnten wir uns über die Wetter‐Entwicklung auf dem laufenden halten. Diese an sich schon schwache Rechtfertigung wurde noch dadurch konterkariert, dass sich das Wetter entschloss, die Leser von Morgen‐Zeitungen nicht zu enttäuschen und genauso blöd zu bleiben, wie es prognostiziert worden war.

Die Tatsache, dass es immer stärker regnete – aber weit von dem entfernt war, was ich in England jüngst mitmachte, ließ im Schwesterchen einen neuen Gedanken reifen, der da lautete: »Es wäre doch schön, wenn ich eine Regenjacke dänischen Stil hätte.« Ich war da ein wenig arglos und dachte, zum einen, dass es »einen« dänischen Stil gäbe, der für alle Regenjacke gelte und (b) ich durch positive Verstärkung eine schnelle Entscheidung für eine Jacke herbeiführen könne. Das hat nicht geklappt. Da bin ich schon so lange verheiratet, noch viel länger Bruder und Sohn und bin manchmal immer noch arglos.

Zum Mittag trieb es uns in ein kleines Restaurant/Café, welches im Souterrain untergebracht war. Die Bedienung erklärte uns erst einmal, was es alles nicht mehr gab. Das war so viel, dass ich es fast umgehend schon wieder vergessen hatte. Aber eine Sorte Quiche hatten sie noch und eine Art von Toast. Der Chef kam ein wenig später dazu und übernahm den Bedienungspart. So bekamen wir mit, dass es sich um Franzosen handeln würde. Auch sie sprachen mit einer besonderen Vorliebe mit ihren Gästen englisch. Der blutjunge Chef kam aus Paris, sein Kompagnon aus einer nicht näher benannten Stadt im Norden Frankreichs.

»Und Sie sind wegen des guten Wetters hier nach Kopenhagen gekommen?«

Er lachte und schüttelte den Kopf.

»Nein«, meinte er, »das Wetter ist in Paris meist besser.« Er beugte sich vor und legte den Zeigefinger verschwörerisch auf den Mund.

»Psst«, flüsterte der Franzose, »die Frauen sind hier hübscher. Das ist der wahre Grund.«

Grinste, drehte sich um und ließ uns lachend zurück.

Wir zogen weiter durch den Regen durch die Innenstadt, ließen dann aber jede Hoffnung fahren, dass es noch ein mal weniger werden könnte mit dem Regen, geschweige denn aufhören. So ruhten wir in unserem Mini‐Apartment, gingen thailändisch Essen und ruhten dann, bis der Morgen mit seinem schönen Wetter kam.

Mit strahlend blauem Himmel standen wir auch und das änderte sich kaum über den Tag. Nachmittags oben ein paar Wolken auf, aber das waren Wolken, wie sie Bilder nur schöner machen. Wir spazierten in Richtung Hafen los und kamen am Rundetårn vorbei. Bei schönem Wetter ist das ein Aufstieg wert. Der Turm ist 34 Meter hoch und über einen Rundgang zu erreichen. Irgendwer erzählte mir mal, dass man das so gebaut hätte, dass der König mit seinem Pferd hinauf reiten könne. Aber in der Wikipedia steht, dass sich oben im Dach ein Observatorium befindet, welches heute das älteste funktionsfähige in Europa ist, und man den Rundgang deshalb gebaut hat, um Gerätschaften anliefern zu können. Klingt eigentlich plausibler als der Spleen eines Königs. Wir genossen den schönen Ausblick über die Dächer von Kopenhagen.

Das Schwesterchen entdeckte danach auf dem Weg zum Hafen ein Laden, in dem es einen Fahrradkorb gab und wollte ihn im Anschluss haben. Unbedingt. Das Thema hatten wir schon, insofern kommen wir zum nächsten Punkt. Wir suchten das Schiff. Am Slotsholmkanalen fanden wir es nicht, deshalb suchten wir am Nyhavn weiter. Dort war es auch nicht auf Anhieb zu finden, was mir die Gelegenheit gab, mal auszuprobieren, wie Pistazien‐Käsekuchen‐Eiscreme schmeckt. Gut, dass ich noch eine zweite Kugel Mango‐Sorbet hatte.

Dann setzten wir uns ins Boot und machten eine Tour zur Kleinen Meerjungfrau, man sieht vom Boot aus eigentlich nur, wie viele Touristen vor einer Statue stehen, die uns den Rücken zudreht. Man kann da auch hinfahren oder -laufen, dann sieht man jede Menge Touristen vor einer Statue stehen, sich drängeln und komische Gesten für die Kamera machen. Eigentlich ein total sinnloses Unterfangen, wenn man es genau nimmt, aber was soll man machen: Man ist Tourist und es wird von einem erwartet. Wir haben uns also die Touristen vom Wasser aus angeschaut und sind später dann zu Fuß dahin marschiert. Die Bootstour war nicht ganz vollständig, aber wir fuhren zumindest durch Christianshavn Kanal – was zum einen schön ist, weil man für einige Sekunden einen schönen Ausblick vom Kanal auf die Vor Frelsers Kirke hat. Viel schöner war aber noch, dass man auf das neue Gebäude der Nationalbibliothek zufährt. Bei den bisherigen Fahrten hieß es immer: »Bei schönen Wetter sieht man, wie die Fassade funkelt.« Bis dato musste ich mir das dann immer vorstellen, wie schön es wirklich ist, habe ich heute zum ersten Mal gesehen. Um diesen schönen Augenblick zu teilen, habe ich ein Foto davon gemacht. Es sieht aber so aus, als ob Interessierte davon nichts haben werden und selbst hinfahren müssen – auf dem Foto ist von dem Funkeln nichts zu sehen. Ich kann deshalb nur jedem dringend empfehlen, selbst hinzufahren. Man sollte aber darauf achten, dass man strahlenden Sonnenschein bei der Bootstour hat. (Das wiederum dürfte sich als große Herausforderung erweisen.)

Hinter der Nationalbibliothek geht es direkt in die Innenstadt. Wäre der Bootsführer weiter nach links gefahren, hätte man vielleicht die Chance gehabt auf ein interessantes Gebäude der Nykredit zu schauen. Hat er aber nicht gemacht. Er ist auch nicht noch ein Stück weiter gefahren bis in den Sydhavn, womit wir noch ein wenig mehr interessante Architektur von der Seeseite gesehen hätten und sich mir eine elegante Überleitung zu dem dahinter liegenden Stadtteil Vesterbro geboten hätte. Dem Schwesterchen ist nämlich bei Facebook dringend empfohlen worden, sich das anzusehen. So bleibt mir nichts anderes über, als zu berichten, dass wir die Bootstour bis zum Ende durchzogen, kurz erwägten, eine zweite Runde zu fahren – davon dann aber im Sinne von »braver Bürger« Abstand nahmen, wie erwähnt die Meerjungfrau besuchten und Fotos machten (ich hatte noch keines bei Sonnenschein, insofern auch gut), dann durch das Kastell zur Station unseres Hoppers marschierten und für unsere Faulheit bestraft wurden, in dem sich vor und hinter uns im Bus Vogtländer setzten, von das eine Paar die Rolle »Nervige Ehefrau, genervter Ehemann« spielte und das andere »Ruhige Ehefrau, lustiger Ehemann«. Zumindest die Rolle »Nervige Ehefrau« hätte man aus dem Drehbuch komplett streichen können, es gab schon geringfügigere Anlässe für Amok‐Läufe.

Nun war der Plan noch einmal eine kleine Tour Richtung Christianshavn zu machen, aber der Bus fuhr schon nicht mehr. So brachen wir auf in Richtung Vesterbro. Wir mussten erst einmal die Bahnhofsgegend »überwinden«. Das sind Ecken, die in den wenigstens Städten einen Preis für hervorragendes Ambiente gewinnen. (In Bordesholm geht es, aber das ist kein Maßstab.) Wir spazierten durch die Straßen und waren ganz angetan. Es tat sich plötzlich ein Park aus und ein riesiger Spielplatz, der ordentlich bespielt wurde. Wir sahen die Rückseiten von Häusern, die von vorn schon nicht schlecht aussahen, auf der Rückseite dann mit zahllosen Balkons überraschten, mit Hundertwasser‐verdächtigen Fassaden und einer Mauer, die aussah wie eine Burg – aber keine war und auch keinen praktischen Nutzen hatte. Das Schwesterchen meinte, es wäre ein wenig wie Prenzlauer Berg – nur ohne Berliner.

Dann ging es zurück in die Innenstadt, ein wenig ruhen – und dann Essen. Bei der Restaurantsuche halfen wir noch einem Mann, die U‐Bahn‐Station finden und hatten damit noch eine gute Tat verbracht. Das Essen ging so, die Bedienung aber wieder sehr nett und wir schnackten noch ein wenig über Städte in Hessen und in Deutschland im Allgemeinen.

Vergessen will ich nicht, dass wir zum Lunch Sandwiches in einem kleinen Restaurant hatten, dessen Bedienung aus jungen Italienern bestand (obwohl es kein italienisches Restaurant war) und die vermutlich auch nicht wegen des schönen Wetters in Kopenhagen waren. Auf Dänisch von zwei jungen Däninnen angesprochen, baten sie darum, dass die Frage auf Englisch gestellt wurde und nachdem das erfolgt war, die Däninnen eine für sie unbefriedigende Antwort bekommen hatten und den Laden verließen, sah man an den Blicken der beiden, weshalb sie in Kopenhagen waren. Wahrscheinlich könnte es nicht schaden, wenn sie ihr Dänisch noch ein wenig aufmöbeln.

2016-11-05T07:29:02+00:005. September 2016|Categories: Dänemark, Europa, Unterwegs|Tags: , , , , , , , , , , |Kommentare deaktiviert für Ab auf’s Boot