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Drei Bäder

Es ist schon ein paar Jahre her, da bekam ich einen Einsatz in Sokolov, früher Falkenau, auf’s Auge gedrückt. Alles musste damals fürchterlich schnell gehen. Ich mochte die Gegend auf Anhieb und so setzte sich die Idee fest, dass ich diese Gegend noch einmal bereisen sollte. Die erste Dienstreise in die Gegend absolvierte ich mit dem Zug, beim zweiten Mal kam ich mit dem Auto. Auf diesen Seiten finden sich keine Spuren – der Grund dafür ist recht einfach: In dem Hotel, in dem ich damals war, war das WLAN dürftig. Irgendetwas zu schreiben hätte nicht viel Spaß gemacht. Die Tage waren, was die Belastung anging, gemischt. Es gab Tage, an denen ich mit dem Auto durch die Gegend cruiste und so Franzensbad und Karlsbad kennenlernte; es gab allerdings auch ein paar Tage, an denen es bis spät abends ging bzw. bis nach Mitternacht, weil wir produzieren mussten und eigentlich noch am Üben waren. Eine heiße Zeit.

Die Damen, die ich ursprünglich ausgebildet hatte, änderten sich von Einsatz zu Einsatz. Nach dem Einsatz in Sokolov sahen wir uns zweimal in München zu Schulungen. Das letzte Mal war das im Januar und da haben wir gescherzt, dass ich ihre Arbeit mal kontrollieren komme. Der Schuss wäre beinahe nach hinten losgegangen, da sich die Damen eine Privat‐Schulung erhofften, deshalb hatte ich innerlich Abstand von der Idee genommen, sie mal zu besuchen. Auch wenn sie mir in München nett Kaffee in Sokolov offerierten. Das ist nicht das ideale Lockmittel für mich.

Was hatte sich heute nun geändert? Ich wollte der besten Ehefrau der Welt eine Burg zeigen, die ich ganz beeindruckend fand, samt dem Städtchen, was sich unter ihr erstreckte. Das Problem war nur, dass ich nicht mehr wusste, wie ich dahin kommen sollte. Als ich vor ein paar Jahren da war, konnte ich das blind finden. Aber heute? Die Fahrt schien ein Abenteuer zu werden. An einer Stelle bog ich im Kreisverkehr sehr selbstbewusst ab, allerdings bekam der Weg einen etwas industriellen Anstrich. Nun ist die Beste aller Ehefrauen für jeden Spaß zu haben, allerdings fing sie diesmal recht schnell an zu protestieren. Es wäre zu sandig, der Weg würde direkt in einen Steinbruch führen. Mir gefällt es nicht, wenn sie so pessimistisch ist. Es zeigte sich allerdings, dass sie recht hatte.

Die uns entgegenkommenden LKW‐Fahrer hätten ja auch mal ein Zeichen geben können. Dürfte doch sehr ungewöhnlich sein, dass ein Mann im offenen Cabrio mit einer Frau, die sich als Audrey Hepburn verkleidet hatte, zu einem Steinbruch fährt und das auch noch will.

Daraufhin gab ich Sokolov mal als Ziel ein. Bemerkenswert an der mit dreißig Minuten doch recht kurzen Fahrt: Wir fuhren an einem Feld vorbei, welches komplett dunkelrot leuchtete. Da mussten wir anhalten und prüfen, um was für Pflanzen es sich handelt. Nein, wir wussten nicht, was es für eine Pflanze war. Schulterzuckend begnügten wir uns jedoch damit, ein paar Fotos zu machen und dann weiterzufahren. Wir kamen nach Chlum Svaté Maří und das war für vertrautes Gebiet – hier war ich schon mal. Schon beim ersten Mal war ich fasziniert mitten im Nirgendwo eine solch schöne Kirche zu finden. Da ich immer relativ spät unterwegs war, war die Kirche schon geschlossen. Heute hatten wir aber Gelegenheit, sie zu betrachten. Es handelt sich um eine sehr bekannte Wallfahrtskirche mit dem Namen Kostel Nanebevzetí Panny Marie. Ich will nichts sagen, aber andere Sehenswürdigkeiten von solcher Schönheit, sind auch an einem Montag‐Morgen um zehn Uhr völlig überlaufen. Hier waren wir die Einzigen. Goethe war übrigens auch schon da, aber das ist länger her und überhaupt habe ich den Eindruck, das Goethe hier überall war. Es ist ein wenig bedauerlich, dass man keine Fotos machen darf. Es gab da dieses Verbotsschild und wir hielten uns dran.

Herr P., Chef der Sokolov‐Damen, sprach im Januar eine Einladung aus und wollte uns ein wenig herumfahren und die Gegend zeigen. Das musste nicht sein, aber ich dachte mir, er könnte mir wenigstens verraten, wo sich die Burg befand. Also schleppte ich die Beste aller Ehefrauen nach Sokolov, was sie sehr verwunderte, ist doch dieser Ort ein Ausbund an Hässlichkeit. Hat man da nicht beruflich zu tun, so hat man in Sokolov nichts verloren. Da hilft auch das Schloss in der Mitte der Stadt nicht. Ich verriet nur soviel an die Beste aller Ehefrauen, dass ich eine Touristen‐Info kenne würde.

Das Büro befindet sich in der Einkaufsstraße von Sokolov. An der Kreuzung kann man ein Gebäude betrachten, dass an der Seite zur Einkaufsstraße renoviert ist und schick aussieht, die andere Seite der Straße ist so geblieben, wie sie seit Jahren aussieht – eine sehr interessante Variante zu renovieren. Wir klingelten an dem Büro und ich sagte der Gegensprech‐Anlage, ich würde gern Herrn P. sprechen. Aha, kam zurück, und kurz darauf meldete sich ein anderer Herr und dem sagte ich das noch einmal. Dieser verstand mich nunund die Tür öffnete sich. (Übrigens gibt es hier auf die Frage, ob denn englisch oder deutsch verstanden würde, die Antwort: »Lieber deutsch.«) Meine Vorstellung an der Gegensprechanlage hatte indes ein wenig Panik ausgelöst und Herrn P. wurde vermeldet, dass Besuch aus Deutschland da wäre. Der kommt, wie Herr P. mir später zu verstehen gab, jedoch normalerweise nicht unangemeldet. Als er mich sah, war er also gleichzeitig überrascht, erleichtert und erfreut. Wenn man diese drei Gefühlsregungen gleichzeitig auslösen kann, dann ist das doch schon mal was. Kurz berichtete ich ihm von meinem Anliegen, wir schnackten noch ein wenig und bevor ich mich verabschiedete, meinte ich, dass es sicher angemessen wäre, bei den Damen reinzuschauen. Hier waren dann zwei der Gefühlsregungen zu beobachten: überrascht und erfreut. Das ist doch auch schon was…

Die Damen versuchten mich zwar noch für Fachfragen in Beschlag zu nehmen, aber Herr P. griff ein und meinte, ich wäre im Urlaub und das könne man anders organisieren. Recht so! Aber wir hatten noch eine Frage offen. Was hatte es mit dieser mysteriösen roten Pflanze auf sich? Die Damen schauten sich das auf dem Smartphone an und fingen an zu diskutieren. Diskussionen in fremden Sprachen zu verfolgen, auch osteuropäische, finde ich immer sehr spannend. Manchmal habe ich das Gefühl, sie würden gleich aufeinander losgehen. Ich muss dann vom Übersetzer beruhigt werden, dass sich ganz normal unterhalten würde. Dann waren sich die Damen sicher: Das sei eine Pflanze, die an Kaninchen verfüttert wird. Eine Futterpflanze. (Wie schade, so schön und dann ein solch profaner Zweck!) Die Konsultation eines Wörterbuches brachte auch die korrekte Oberbezeichnung: Klee. Klee‐Felder sind schon eine schöne Sache, aber so ein Kleefeld haben wir noch nicht gesehen und es war wirklich wunderschön. Gerade in Kombination mit dem Raps, der zur Zeit auch in voller Blüte steht.

Wir mussten also nach Loket, früher auch Ellbogen genannt. Von Sokolov aus sind das zwanzig Minuten, also ein Katzensprung. Diesmal hatte ich auch die Gelegenheit, die Burg zu besichtigen. Das waren gut investierte acht Euro. Sie stellen dort eine Folterkammer nach. Die Schreie klingen so, als hätten die Darsteller ihren Spaß gehabt. Das Warnschild, dass es sehr drastische Darstellungen sein würden, sah ich erst beim Verlassen und ich denke mal, dass der neunjährige Steppke, der mit seinen Eltern dort war, keine so ruhigen Nächte haben würde. Der Turm der Burg ist leicht zu besteigen und man hat einen schönen Ausblick, wenn auch nicht überragend.

Nach einem kleinen Mittagessen (Ente an Pflaumen‐Chutney, weil die Aprikosen‐Knödel waren aus!) begaben wir uns Richtung Karlsbad. Bei meinem ersten Besuch war ich nicht so begeistert von Karlsbad. Der Blickwinkel, den man als Mann hat, kann sich jedoch ändern, wenn man mit einer Frau unterwegs ist. Für die Beste aller Ehefrauen war es das Paradies. Ein Laden neben dem anderen – wahlweise mit Schuhen, Schmuck oder Handtaschen. Manchmal gab es auch zwei Juweliere nebeneinander. Wir jumpten von einer Straßenseite zur anderen. Aber es wurde nur geschaut. Die Beste aller Ehefrauen hatte am Ende des Stadtbesuches einen Hut erobert, mehr nicht.

Ich habe nun jedoch ein Trinkgefäss aus Porzellan, wenn auch nur die absolute Billigvariante. Da ich die Wässerchen nach wie vor probiere und die verschiedenen Geschmacksrichtungen vergleiche, war es mir nun ein Anliegen, ein solches Gefäß zu besitzen. Das Quellwasser in Franzensbad ist kalt, man kann es in die Hand nehmen und aufsaugen. Die Wässerchen in Karlsbad sind warm bis heiß – da macht das in der offenen Hand nicht ganz so viel Spaß.

Karlsbad wird wohl auch gern von Touristen‐Bussen angefahren, in denen Asiaten sitzen. Mit denen hat man immer seinen Spaß. In Karlsbad posierten sie um die Quellen und taten so, als würden sie davon trinken. Ob sie es wirklich taten, konnte ich nicht sehen. Aber so entstehen manchmal Schlangen. So standen wir in einer solchen und warteten, dass das Posieren sich dem Ende zuneigte und die Beste aller Ehefrauen meinte, ob ich denn hiervon noch probieren wolle. »Ja, vielleicht ist es ja lecker.« Das löste bei einem Pärchen vor uns Heiterkeit aus und der Mann kommentierte trocken: »Lecker ist anderes.« Er hatte allerdings auch nicht so eine Baby‐Tasse wie ich, sondern einen richtigen Humpen.

Von Karlsbad sollte es noch nach Marienbad gehen. Unser Navi‐Gerät hat eine Option, die ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Es gibt nicht mehr nur die schnellste und die kürzeste Route, sondern es gibt auch eine Öko‐Route. Das probierten wir diesmal nicht aus, ich meinte nur, dass es schön wäre, wenn er uns eine Route vorschlagen würde, die Autobahnen meidet. Tat er dann auch und das klappt sehr gut, bis er uns plötzlich auf einen Weg führte, der unter aller Kanone war. An manchen Stellen hatte man nur die Wahl, ob man in das linke Schlagloch fährt oder das rechte. Kein Schlagloch war jedoch keine Option. So richtig sicher, ob die Straße nicht vielleicht doch einfach aufhören würde, waren wir uns nicht. Die Aussichten, die sich uns boten, waren im Gegenzug grandios. Kurz vor dem Ende dieser Straße kam uns ein Auto entgegen. Ein fremdes, wahrscheinlich italienisches Kennzeichen. Wir lachten: »Der hat auch einen TomTom!«

Überhaupt zu den Straßen: Die meiste Zeit habe ich das Gefühl, ich bin fast allein unterwegs. Niemand stört, niemand drängelt. Einfach wunderbar zu fahren. Allerdings ist es so, dass wenn dann ein Tscheche auf dem Weg – wohin auch immer – daherkommt, er auch sofort anfängt zu drängeln. Das würde ich verstehen, wenn ich als typischer Cabrio‐Fahrer gemütlich durch die Gegend zuckeln würde, zwanzig km/h unter der Höchstgeschwindigkeit mit einer Fahrbahn‐zentrierten Fahrweise. Das tue ich aber gar nicht. Auf diesen Straßen fahre ich die Höchstgeschwindigkeit und möglichst weit auf der rechten Seite. Aber was soll man von den tschechischen Fahrern auch halten: Fußgängerüberwege gibt es wie Sand am Meer, Fußgänger betrachten diese aber zurecht mit einer gewissen Skepsis. Vor dem Hotel verläuft eine Spielstraße. Die Regeln sollten hierzulande nicht viel anders sein als bei uns in Deutschland. Aber selbst wenn sie sich unterscheiden, wird die Regel sicher nicht lauten: Fahre ganz normal oder ein bisschen schneller.

In Marienbad machten wir uns auf die Suche nach einem Parkplatz. Das erwies sich als schwierig, denn wir hatten keine Münzen mehr. Ohne Münzen ist es schwer die Parkuhren zu füttern. Es wurde zwar eine App angepriesen, aber im App‐Store war nur eine tschechische Beschreibung verfügbar, was uns nicht weiterhalf. Deshalb sahen wir vom Laden einer solchen ab. Wir parkten nach einer zweiten Runde vor einer Wechselstube und ließen uns da ein wenig Münzgeld geben. Die Beste aller Ehefrauen ließ sich gleich wieder durch Schaufenster einfachen, aber ich verwies auf den Kurpark und meinte, wie wären nicht zum Schaufensterbummeln hier. An der Kolonnade von Marienbad gibt es einen Springbrunnen, der zur vollen Stunde ein paar Kunststückchen vollführt – also eine gewisse Choreografie zu einer Musik abspielt. Das war ganz nett, aber wir sind durch Las Vegas und Dubai verdorben.

Mit meinem Becher hatte ich hier aber noch einmal die Gelegenheit, ein paar Wässerchen zu probieren. Also wenn einer kerngesund wieder zurückkehren muss, dann bin ich das. Bei einem Wasser, das ganz schmackhaft war, las ich, dass es sehr verdauernsfördernd sei. Da ich in dieser Hinsicht keine Probleme habe, gab ich nicht viel drauf. Wir waren jedoch noch nicht einen halben Block gegangen, da meldete sich mein Verdauungstrakt bei mir und meinte, es wäre Zeit, Ballast abzuwerfen. Aber flott! So war ich das nicht gewohnt. Die Aufgabe, ein Restaurant mit angemessenen sanitären Einrichtungen zu finden, ist in Marienbad nicht sehr schwer. Wir fanden ein solches und machten es uns gemütlich – die Beste aller Ehefrauen mit der Speisekarte, ich auf dem stillen Örtchen.

Muss natürlich nicht am Wasser gelegen haben, vielleicht war auch einfach die Zeit gekommen. Aber es sah schon nach einem gewaltigen Zufall aus.

Ich hatte in dem Restaurant die Gelegenheit von der original‐böhmischen Küche zu partizipieren: Serviettenknödel mit Lendenbraten. Ganz wichtig: Die Soße war oberlecker. Ich hätte mich reinlegen können. Das Beste daran: Es war richtig viel Soße, dass ich mich hätte reinlegen können und eine Heidenaufgabe, sie auch komplett vom Teller zu verputzen. Die Beste aller Ehefrauen aß hingegen ein italienisch‐geprägtes Gericht, was sie manchmal selber macht.

Auf der Fahrt aus Marienbad heraus sahen wir noch ein Parkhaus – für das nächste Mal wissen wir, das ein solches existiert – und ich hörte kurz darauf vom Beifahrersitz:

»Das Haus sieht aber lustig aus.«

Ich schaute nach vorn. Aha.

»Ja«, meinte ich, »das ist eine Kirche.«

Gelächter.

Das war mal wieder ein schöner Tag.

2018-05-14T22:48:58+00:0014. Mai 2018|Categories: Tschechien 2018|Tags: , , , , , , |0 Comments