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Die Einflussnehmerin

Im letzten Dezember, kurz vor der großen Reise, telefonierte ich ein letztes Mal mit Tantchen. Ihre Stimme war leise, brüchig und so gar nicht ihre. »Nein«, sagte sie, ohne dass ich ich sie es gefragt hätte, »man will jetzt ja noch nicht sterben.« Natürlich nicht, meinte ich, völlig unvorstellbar. Sie hatte Beschwerden und rannte zum Arzt, der nicht wusste, was sie hatte, und dieses und jenes vermutete. Alles, was sie an Medikamenten bekam, schlug nicht an. Es wurde einfach nicht besser.

Wir fuhren in den Urlaub und hörten dann aus der Heimat, dass das Tantchen sich in die Klinik eingewiesen hat. Und wieder entlassen. Und im neuen Jahr kam sie dann wieder in die Klinik. Zuviel Wasser im Körper, da müsse man was tun. Der Zustand besserte sich nicht. Dann nach sechs Wochen Krankenhaus der Anruf: »Bis zum Wochenende wird sie es wohl nicht mehr schaffen!«

Angekündigt war ich. Sie schlief als wir den Raum betraten. Das Gesicht war klein, grau und es hatten sich viele Falten in den letzten Monaten gebildet. Ich musste genau hinschauen, um sie wieder zu erkennen. Das tat schon weh. Die Frau Mama versuchte die Tante zu wecken: »Helga. Helga. Helga! Schau mal wer hier ist.« Das Tantchen schlug die Augen auf, ich trat vor und sie strahlte über das ganze Gesicht: »Oliver!« Die Hand, die vorher nur in meiner lag, griff nun kräftiger zu. Dann gingen die Augen wieder zu und sie war weggeduselt.

Am Abend ein weiterer Besuch, um Abschied zu nehmen. Das Krankenhaus hatte angerufen. Zu Bewusstsein kam sie an dem Abend nicht mehr. In den frühen Morgenstunden verstarb sie. Letzte Woche war das.

Satzkorn

Das Tantchen lebte in meiner Kindheit unter der Woche in Satzkorn. Früher war das j. w. d. Oft waren wir da nicht, denn das Tantchen hatte dort nur eine kleine Wohnung. Ein Zimmer, Küche, Bad. Mehr nicht. Gab es etwas zu feiern, dann fand das wo anders statt. Das Trügerische an Erinnerungen ist, dann man sie später selten in Zusammenhängen einzuordnen vermag. Als Sieben‐ oder Achtjähriger fuhr ich mit ihr mal mit dem Bus von Potsdam nach Satzkorn. Das war ein Abenteuer, wie eine Weltreise. Von einer alten Frau im Bus bekam ich noch einen Bonbon geschenkt und in der Nacht schlief ich wohl in der Küche. An diese Busfahrt habe ich noch Erinnerungen, aber ich könnte jetzt nicht sagen, ob darin der Ausflug mündete. Ob wir am nächsten Tag wirklich in Richtung Bahnhof Satzkorn aufbrachen oder ob das ein andermal war. Mir kam die Strecke ewig lang vor, das nahm kein Ende. Vielleicht fuhren wir nach Berlin, vielleicht aber auch nach Strasburg.

Ausflug

Der Nebel des Vergessens hat sich auch über den Ausflug nach Berlin gelegt. Wir fuhren um Berlin herum, wie es damals üblich war. Wahrscheinlich erzählte sie mir, dass man früher viel schneller im Zentrum war, als man noch durch West‐Berlin fahren konnte – in fünfzig Minuten an der Friedrichsstrasse. Das erzählte die Frau Mama zu DDR‐Zeiten auch immer. Die Beiden hatte das noch erlebt, ich sah auf dieser Zugfahrt nur die weißen Hochhäuser in der Ferne, die so sauber und gar nicht grau aussahen, wie die Hochhäuser, die wir hatten. Die waren selbst neu schon grau.

Da ist gar keine Erinnerung darüber, was wir eigentlich in Berlin gemacht haben. Aber wir waren am Alex und der Weltzeituhr. Dort fuhren wir mit dem Fahrstuhl in ein Restaurant, waren also irgendwo oben, und dort ab es zum ersten Mal »Juice«. Das Tantchen fragte mich: »Willst Du Juice?« Klar, wollte ich, hörte sich toll und modern an. Es war Orangensaft, den gab es bei uns nicht tagtäglich und wenn sie »Orangensaft« gesagt hätte, hätte ich vielleicht abgelehnt. Zu gewöhnlich – Saft! Dann doch lieber Brause. Aber »Juice«, das musste cool sein.

Der Kamm

Nachdem Oma und Opa nach Potsdam gezogen waren, waren wir oft bei ihnen. War praktisch. Fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad und mit der Straßenbahn das Doppelte. Aber nicht nur waren am Wochenende bei den Großeltern, das Tantchen war auch da.

Ein halbes Zimmer nannte sie dort ihr eigen – ein Schrank, eine Kommode und ein uraltes Radio, welches Ewigkeiten brauchte, um anzugehen und dann konnte man kaum was hören, was einen interessierte, da nur Kurz‐, Mittel‐ und Langwellen‐Sender zu hören waren. Aber der Klang der weiten Welt wurde versprochen, schließlich versprach die Beschriftung des Radios Stimmen aus Moskau, London, Paris – Städte, die so weit weg waren, die weite Welt. Unerreichbar. Auf der ausklappbaren orangenen Schlafcouch schliefen wir dann, meist unter dicken Federbetten. Morgens kam sie herein, machte das Fenster und sagte einem, man solle unter dem Federbett bleiben, und könne ja noch ein wenig kuscheln.

Vor ein paar Jahren hatte ich ein Projekt in Österreich und da sagte eine Kollegin, »dass wäre ja wie Teppichfransen kämmen«. Meinte ich, das kenne ich! Wenn wir als Kinder bei der Oma waren, dann drückte uns irgendwann das Tantchen einen Kamm in die Hand, und wir hatten die Fransen im Wohnzimmer mit dem Kamm zu richten. Eine Aufgabe halt.

Gekocht hatte ja immer die Oma. Aber einmal waren die Großeltern verreist und das Tantchen bekochte mich nach einem gemeinsamen Tag. Broiler gab es, aber das Vieh war fürchterlich zäh. Das kannte ich so nicht und erzählte es zu Hause. Die Frau Mama meinte: »Das war dann wohl ein Suppenhuhn.«

Reisen

Die meisten unserer Sommerferien verbrachten wir im Garten und bei den Großeltern – und damit natürlich auch irgendwie beim Tantchen. Das Tantchen brachte das Fernweh. Irgendwie mussten wir beschäftigt werden und ihre Therapie gegen Langeweile waren Kursbücher. Das sind – für die Jüngeren unter den Lesern – Bücher, in denen die Bahn ihre Fahrpläne auf Papier veröffentlicht hatte. Die gab sie mir an die Hand und sagte: »Finde die schnellste Verbindung an einem Donnerstag von Potsdam nach Ernstroda.« Und dann musste man schauen, wie man da am Besten hinkommt.

Irgendwann fing sie an, uns zu erzählen, dass ihr Jugendweihe‐Geschenk eine Reise nach Budapest wäre – samt Flug! Das war schon was. Ungarn war damals der Westen des Ostens. Ziemlich teuer, ziemlich modern und Budapest ist auch eine schöne Stadt. Rein theoretisch hätte man ja auch mit dem Boot nach Wien fahren können. Allerdings war das schon sehr theoretisch, da wir den falschen Pass hatten. Aber es war nicht nur einer der seltenen Auslandsaufenthalte für mich, nein!, ich flog mit vierzehn Jahren auch das erste Mal.

Spinat

Ich brauche keinen großen Freundes‐ und Bekanntenkreis und bin auch mit der Verwandtschaft ziemlich zufrieden. Gut, es werden weniger, aber hin und wieder kommt ja auch Nachwuchs. Das Tantchen konnte sich an ihrer weitläufigen Verwandtschaft aber freuen und war eine rege Teilnehmerin an den sogenannten Familientreffen. Bis ins vierzigste Glied konnte sie die Nachkommenschaft benennen und wusste nicht nur Namen sondern hatte auch immer eine Geschichte dazu parat.

Als mich das Tantchen das erste Mal in Kiel besuchte, wollte sie die Gelegenheit nutzen, weitläufige Verwandtschaft in Malente zu besuchen. Wir waren zum Mittag eingeladen. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, man hätte das eine oder andere ja auch in Kiel machen können. Aber Verwandtschaft ging vor. Es wurde für mich zu einem Desaster: Ich mochte nicht nur die Menschen nicht, es gab zum Mittag auch Spinat. Kartoffeln und Spinat – als fremder Besucher galt Gnade vor Recht und ich bekam vom Hausherren noch ein Würstchen ab (das die anderen nicht hatten), ein Soja‐Würstchen. Ich war auf Jahre traumatisiert. Das Tantchen fand das nicht so schlimm, sie mochte Spinat, meinte aber: »Welche Hausfrau macht denn wenn Besuch kommt Kartoffeln und Spinat?« Gerade merke ich, dass ich das Trauma noch nicht überwunden habe…

Ein andermal, fast fünfzehn Jahre später, hatten wir sie zu Besuch. Wir waren im Begriff von Borgdorf nach Mühbrook zu ziehen und warfen schon mal hin und wieder ein Blick über den Zaun. Das Tantchen war von den Potsdamer die erste, die wusste, wo wir hinziehen würden. An dem machten wir auch einen Ausflug, dessen Verlauf ich damals hier anschaulich schilderte. Ich weiß gar nicht, ob sie es damals auch so witzig fand.

Mustertante

Es gibt so einige Sachen, wo ich immer sagte (und sage): Das würde ich nicht so machen, so möchte ich nicht sein. Sie war so vernarrt in das Schwesterchen und mich, dass sie alles bis ins kleinste Detail wissen wollte. Manchmal kam dann etwas Dichtung hinzu. Das sind Fußnoten…

Kam sie zu uns nach Hause, waren wir bei ihr oder trafen sie, dann hatte sie immer eine Schönigkeit für uns. Ich prägte daraus für uns den Begriff von »Bring‐Tante« und »Bring‐Onkel«, um es der besten Ehefrau der Welt begreiflich zu machen. Es muss nicht viel sein, ein Überraschungsei oder eine Zeitschrift reicht schon, aber wir versuchen immer etwas für unsere Neffen und Nichten dabei zu haben, wenn wir kommen. Wie das Tantchen, so haben wir uns auch vorgenommen, den Neffen und Nichten eine Reise zu spendieren – eine große Reise, auf die jetzt schon seit Jahren gespart wird.

So wie das Tantchen wollen wir Anteil nehmen am Leben der Neffen und Nichten. Es gibt wohl kein besseren Weg sie zu ehren, als auf diese Art.

2016-02-20T18:43:09+00:0020. Februar 2016|Categories: Familie|Tags: , , , , |Kommentare deaktiviert für Die Einflussnehmerin