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Boris Akunin – »Fandorin«

Buchkauf geht bei mir unter Umständen so: Es ist Mittagspause und ich tigere in die Stadt, um einen Happen einzunehmen. Wenn ich dann dort angekommen bin, schaue ich in der Buchhandlung rein und nehme das mit, was mir in die Hände fällt. Dann lese ich in der Beute sieben, acht, neun Seiten, was man in so kurzer Zeit lesen kann, während man dabei noch isst, und mache mich dann auf den Heimweg. Das Buch kommt in die Tasche, wird zu Hause ausgepackt und wartet dann darauf, gelesen zu werden. Boris musste ganz schön lang warten.

In einem Park saßen ein Mädchen und seine Zofe. Dieses Mädchen, das spätere in dem Buch noch eine bedeutsame Rolle spielen sollte, wird von einem Mann belästigt. Der möchte einen Kuss. In einer Wirtschaft hätte ein Mädel nicht lang gezögert, gerade wenn es ein wenig angetrunken gewesen wäre. Aber in einem öffentlichen Park und in Begleitung einer Zofe war es undenkbar, auf den Wunsch des jungen Mannes einzugehen. Er zog eine Pistole, und drohte, sich umzubringen, wenn er den Kuss nicht bekäme. Das Mädchen dachte gar nicht daran, nachzugeben. Wer konnte schon ahnen, dass der junge Mann seinen Drohung umsetzte und sich vor den Augen des Mädchens und der Zofe erschoss.

An der Stelle war mein Mittagessen aber noch nicht zu Ende, ein Paar Seiten sollte es noch geben. In seiner Amtsstube saß der Schreiber Fandorin und hörte seinem Vorgesetzten zu, eine wichtige Persönlichkeit und ständig im Stress, der damit beschäftigt war, Fandorin aus der Zeitung vorzulesen. Dann kam der Bericht aller Polizeirevier von Moskau, in dem der merkwürdige Zwischenfall im Park erwähnt wird und Fandorin bat um die Erlaubnis, diesem merkwürdigem Vorfall nachgehen zu dürfen. Gruschin, sein Vorgesetzter, wollte nicht so sein, und erlaubte es Fandorin. 

Hier war die Mittagspause zu Ende und es dauerte, bis ich wieder zu dem Buch griff. Einmal in der Hand, legte ich es nicht beiseite. Es sollte mich einen langen Sonntagnachmittag begleiten. Gleichzeitig brachte es mich dazu, im Internet zu stöbern und eine Reihe von Romanen aus der Fandorin‐Reihe nachzuordern. Ich werde sicher bald berichten können, ob es sinnvoll ist, die Bücher in einer bestimmten Reihenfolge zu lesen…

Der Selbstmörder im Park war ein 23 Jahre alter Kunststudent namens Pjotr Alexandrowitsch Kokorin. Der Tote hatte eigentlich vor gehabt, Jurist zu werden. Warum er es sich anders überlegte, war für alle Leute, die ihn kannten ein Rätsel. Er war steinreich und musste sich um nichts, aber auch um gar nichts sorgen. Fandorin findet in Kokorins Wohnung ein sauber aufgesetztes Testament, gerade so, als hätte der junge Mann, seine Selbsttötung von langer Hand geplant.

In den Polizeiberichten, und das verwunderte Fandorin phänomenal, war von einer Epidemie von Selbstmord‐Kandidaten an diesem Tage die Rede. Gruschin hatte noch eingewendet, dass es wohl der immer gleiche junge Mann gewesen wäre, aber das mochte Fandorin nicht glauben. Bei dem Toten sprach man von dem »jungen Mann«, in den Berichten war aber auch von einem Mann die Rede, der wie ein Student gekleidet war. Fandorin hatte den Verdacht, dass er es mit zwei unterschiedlichen Selbstmordkandidaten zu tun hatte und ahnt einen Zusammenhang.

Der junge Mann ahnt ja soviel in dem Buch, aber nicht, dass ihn dieser Fall an die Spitze einer neuen Spezies in Russland katapultieren wollte. Die Kriminalpolizei war gerade erst im Aufbau und der blutjunge Fandorin bewies mit seiner Spürnase, dass sein Talent als Schreiber vergeudet wäre.

2006-10-21T09:00:00+00:0021. Oktober 2006|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Boris Akunin – »Fandorin«