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Vor der Stadt

Es war wohl am Dienstag, dem zweiten Tag in der Schule, als Aaliya – unsere Lehrerin – kam, und fragte, wer den an einer Township‐Tour Interesse hätte. Nun ja, Interesse schon, die Frage, die sich mir stellte, war es richtig, solche Orte zu besuchen und eventuell Leute zu begaffen. Was ich dachte, nicht aussprach, und mich brav meldete, artikulierte ein Mitschüler deutlich gegenüber der Lehrerin. Die sagte: »Aber ja! Die Leute sehen euch nicht als reich an, sie verurteilen euch nicht dafür. Ihr trefft sie, ihr lernt euch kennen, ihr sprecht miteinander. Das ist wichtig!« Für 450 Rand war eine solche Tour zu bekommen, und die fand heute statt.

Normalerweise sollte ich jetzt im Bett liegen, die Augen schließen und schlafen. Schließlich ist morgen Freitag und das heißt: »Test«. Aber sieben Stunden Schlaf werden genug sein, und so werde ich noch ein paar Zeilen schreiben, um auch selbst zu verarbeiten, was ich heute erlebt habe. Die Tour startete gegen fünf Uhr vor der Schule, wir wurden von einem nicht klimatisierten Bus abgeholt, aber am heutigen Tag war das nicht so schlimm. Wir sammelten noch andere Teilnehmer ein und waren nachher acht Teilnehmer und drei Begleiter.

Ian, der Tourleiter, führte die Tour auf den Lionhead, von wo aus man einen guten Überblick über Cape Town hat. Er erklärte uns die Entstehung der Stadt, die Lage und fand Worte zur Ökonomie der Stadt. Aus dieser resultieren dann die Townships und zu dem Verhältnis dieser untereinander, konnte er uns auch einiges erzählen. Was das Verhältnis angeht, so habe ich es verstanden, so besteht zwischen den einzelnen Townships keines.

Wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, hat man das zweifelhafte Vergnügen von der Autobahn Township‐Häuser zu betrachten. Aus verschiedensten Materialien zusammengebastelte Häuser, sehr klein und waghalsig mit Strom versorgt. Wie Wasser in die Häuser kommt, mochte ich mir gar nicht vorstellen. Fließend Wasser gehörte also nicht zu dem, was im Rahmen meiner Fantasie lag. Ich war also mördermäßig gespannt, was mich dort erwarten würde.

Wir fuhren in das kleinste der Townships, Kalkfontein, und welches eine gemischte Bevölkerung aufwies. Schon dies war etwas besonderes. Einige Townships beherberten nur Schwarze, andere sogenannte Farbige und so weiter. Aber dieses beherberte Menschen der verschiedensten Richtungen, die nur eines einte: Sie waren nicht besonders wohlhabend.

Ich stieg aus dem VW‐Bus aus, und bevor noch irgendetwas sah, hatte mich schon etwas an der Hand angefasst. Ich schaute runter, und sah ein kleines Mädchen in einem weißen T‐Shirt, welches nicht mehr gewillt war, meine Hand loszulassen. Es ging Gott sei Dank in eine Richtung, die der Kleinen genehm war. An einer, ich würde sagen, typischen Township‐Hütte entlang, gingen wir hinter das Haus und befanden uns in einem kleinen Hof. In der Mitte ein Tisch, weiter hinten, hinter der Runde, befand sich das Feuer, an dem zwei Frauen saßen und kochten. Was, das sollte ich erst sehr viel später erfahren. Wir begrüßten die Einheimischen und bekamen als erstes Tee angeboten, es wurde ein Vorspeisenteller aufgetragen, von dem jemand nehmen konnte, dazu gab es Brot aus dem Feuer, dass von den beiden Frauen gehütet wurde.

Dann wurden die Fotoapparate gezückt, ich meinen recht spät. Das war einer der Punkte, die mich am meisten verwunderten. Käme jemand zu mir ins Haus, als Gaste, und würde plötzlich anfangen, mich zu fotografieren, dazu meinen Herd und vielleicht noch andere interessante Punkte, ich würde es mir verbitten. Schließlich war das kein Zoo. Ich täuschte mich sehr. Die Erwachsenen nahmen es wohlwollend hin, die Kinder und Jugendlichen, die immer zahlreicher wurden, forderten uns auf, sie zu fotografieren. Ungelogen: Für sie war es das Größte.

Es gab Musik, es gab Essen, es gab zu trinken, und dann ging es auf die Straße und wir inspizierten die Townships. Es tut mir leid, aber das kann man nicht beschreiben. Ich habe durchaus Vergleiche aus meiner eigenen Vergangenheit. Thomas, ein Mitschüler, meinte, es wäre eine gute Idee, die eigenen Kinder für eine Woche in ein Township zu schicken. Die Jüngeren, so glaube ich, würden sich wohlfühlen. Den Älteren würde es die Augen öffnen. Was, Du hast ein Problem, weil Du keine XBox 360 hast, dann geh und schau mal da.

Die Freundlichkeit und die Natürlichkeit ist überwältigend. Sie wissen, dass wir mehr Geld haben als sie. Aber heißt es, dass man angebettelt wird. Weit gefehlt. Keine Spur davon. Wir wurden in die düstersten Hütten eingelassen, wo nur eine Funzel brannte. Die Leute wollten fotografiert werden, und der Tourführer bat uns, ihm die Foto zu senden, damit er sie weitergeben konnte. (Wenn es sonst nichts weiter ist?) Von meiner aktuellen Position aus, wäre ich nicht in der Lage, eine Woche so zu leben. Dann würde ich mir, sehr am Leben hängend, wahrscheinlich in tiefste Depression gefallen, eine Kugel geben. Aber jetzt kommts: Ich sah die Leute nur lächeln. Das Einzige, was die Huette erhellte war der Flash der Kamera und das Laecheln der Leute.

Überhaupt sehr erstaunenswert: Die Kinder sind auf der Straße und spielen, die Größeren natürlich Fußball (hier will jeder Fußball‐Star werden). Aus vielen Häusern hört man Musik, die Leute sind auf der Straße, schauen und unterhalten sich. Ich hatte mit zwei Jungs Gespraeche. Victor repariert Kameras, soweit ich es verstanden habe, die Ueberwachungskameras. Heisst: Man lebt in den Townships nicht, weil man nicht zwingend keine Arbeit hat, sondern weil man sich die besseren Behausungen nicht leisten kann oder das gewohnte soziale Umfeld nicht verlassen moechte. Der zweite Junge, dessen Name ich vergessen habe – sorry – ging wohl noch zur Schule und hatte den Traum, nach Deutschland zu kommen. Ich habe mein Bestes gegeben, ihm das auszureden. Das war sicher im Sinne unseres Innenministers, aber in diesem Fall kommt noch hinzu, dass er sich Deutschland als Paradies vorstellte. Wenn er zu seiner Familie wollte, dann koenne er ja schnell mal zurueckfliegen. Dass dem nicht ganz so ist, und dass man in Deutschland auch die deutsche Sprache sprechen sollte, um etwas zu werden, war ihm bis dato nicht bekannt. Wenn man das Leben dort gesehen in dem Township gesehen hat, versteht man schon, dass einem das Leben in Deutschland als Paradies vorkommen muss.

Wer mehr ueber die Tour erfahren moechte, schaue doch mal hier: http://www.coffeebeans.co.za

2007-02-01T22:55:00+00:001. Februar 2007|Categories: Unterwegs|Kommentare deaktiviert für Vor der Stadt