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Rückenwind

Das erlebt man wohl nur bei Fernflügen, und ich habe ja auch schon ein paar hinter mir: Der Flieger ist zwanzig Minuten zu früh in Detroit gewesen. Danach sah es überhaupt gar nicht oder vielleicht doch. Genau genommen ging das mit dem Überpünktlichen schon heute morgen los, als der Taxifahrer zwanzig Minuten zu früher vor der Türe stand.

Da habe ich, ehrlich gesagt, gar kein Verständnis für. Ich hatte sogar schon mal einen, der sich darüber beschwert hat, dass man ihn dann vor der Tür warten lässt. Ist zwar doof, aber wenn ein Taxi fast eine halbe Stunde zu früh irgendwo auftaucht, heißt dass, das ich, so ich gleich einsteigen würde, irgendwo dreißig Minuten rumstehe. Denn auf der Strecke Borgdorf – Neumünster ist wahrlich kein Stau zu erwarten. Abgesehen davon: Ich war noch gar nicht fertig mit dem Packen.

Wir starteten dann immer noch ein wenig früh, aber das tat dann auch nichts mehr zu Sache. Ich stand in Neumünster am Bussteig für den Kielius‐Flughafenbus und konnte dadurch in Ruhe beobachten, wie ein Fahrlehrer einer Schülerin das Verhalten an Stoppschildern beibrachte. Anschließend verbrachte ich die Zeit damit, hochzurechnen, wie viel Geld ich verdienen könnte, wenn ich derjenige wäre, der für Verstoße gegen das Vorfahrtsrecht abkassieren dürfte. Den Flug in die USA hätte ich wohl innerhalb einer Stunde drin.

In Hamburg war dann mit pünktlich erst mal Schluss. Der Flieger nach Frankfurt kam, als wir eigentlich schon im Flugzeug drin sein sollten. Da ging mir auf, dass die Zeit in Frankfurt auch nicht so reichlich bemessen wurden. Wir sind dann mit zwanzig Minuten Verspätung wohl abgedüst und kamen so gegen vier Uhr in Frankfurt schon an. Die freundlichen Stimmen an Bord teilten einem mit, dass es ratsam wäre, rasch das Gate aufzusuchen, da die Sicherheitskontrollen in Richtung USA besonders streng wären. Auch noch Druck ausüben, dachte ich mir, und eilte.

Ich weiß nicht, was in die Herrschaften gefahren ist an dem Tag, aber eine weitere Sicherheitskontrolle stand nicht statt. Zumindest keine, durch ich die musste. Das habe ich aber auch schon ganz anders erlebt, zum Beispiel vor fünf Monaten. Aber ich will mich nicht beklagen. Auch das sauber ausgefüllte Formular für die Homeland Security, die im Mai noch von eigens geschulten Kräften entgegengenommen wurde, interessierte keinen Menschen. Mag sein, dass man sich jetzt mit den Auskünften zufrieden gibt, die beim Check‐In angegeben werden müssen (erste Adresse etc.), womit man die Arbeit elegant verlagert hat.

Darüber zu klagen, dass alles so eng ist, erübrigt sich wohl. Hätte man mich in die Business Class gesteckt, wäre die Klage nicht zu führen. Hat man aber nicht. Es bestand ja noch die Hoffnung, dass wir in der Mitte sitzend (also Gangplatz von den vieren in der Mitte) die in der Mitte liegenden Sitze auch für uns hätten. Aber dem sollte nicht sein. Es kamen zwei Damen, wir hatten uns schon gefreut wie die Schneekönige (wir, das sind ein Mann auf der anderern Seite und meine Wenigkeit) und belegten die Plätze. Später sollte ich herausbekommen, dass sie aus Polen kamen. Polnisch sprachen sie sehr gut, auch wenn nicht sehr viel miteinander, der englischen Sprache waren sie gar nicht mächtig. Ich nehme mal an, dass sie einen Privatbesuch bei Familienangehörigen hier machen, sonst haben sie nichts zu lachen.

Das Essen war … o.k. – man hat ja immer nur die Wahl zwischen Chicken und Beef und je weiter man hinten sitzt, um so kleiner sind die Chancen, auch noch mit Chicken zufriedengestellt zu werden. (Bei British Airways wäre es dann Lamm, auch nicht viel besser. Chicken ist einfach ist als erstes aus.) Dazu gab es Spätzle und eine Waldpilzsoße. Mit den Waldpilzen war es wie mit den Pilzen im Wald: Man musste sie suchen. Vielleicht, aber das ist nur eine Vermutung, hatten sie sich alle unter dem Spinat versteckt, den ich natürlich nicht angerührt habe.

An die Kleinen im Flugzeug wird ja schon kurz vor dem Start Mal‐ und Zeichenzeugs verteilt, für die anderen kommt das ein wenig später: Das Grüne, das Weiße und das Zoll‐Formular. Um den Spaß zu vereinfachen, haben die Herrschaften Regeln aufgestellt, in denen man eine 1 nicht wie eine eins zu schreiben hat sondern wie einen senkrechten Strich und auch der 7 muss der Querbalken erspart werden. Bei mir geht das bis zu dem Feld der ersten Adresse in der USA gut, dann vergesse ich mich im Endspurt und, schwupps, sehen die Einsen und die Siebenden aus, wie ich sie immer male. Ich glaube, die Herrschaften, die von den Immigration Officers zurückgeschickt wurden, um ihre Formulare zu überarbeiten, haben zusehr mit den Schnörkeln gearbeitet. Und da versteht man hierzulande keinen Spaß.

Mein Vordermann drehte sich, während ich schrieb, verdächtig häufig um und irgendwann ließ er die Katze aus dem Sack, und fragte, ob ich sein Formular ausfüllen könne. Dafür konnte es die verschiedensten Gründe geben: Lesebrille vergessen, beispielsweise, oder eine akute Formular‐Schwäche, was weiß denn ich. Ich vertröstete ihn, und füllte erst einmal mein Formular aus. Er wurde zunehmend ungeduldiger, aber wir hatten ja noch sechs Stunden Zeit. Dann nahm ich mich seines Formulars an.

Abgesehen davon, dass er am 1. Januar geboren wurde, wie meine Schwägerin, stellte mich sein Pass vor einige Herausforderungen: Er kam aus Palestina und, nun ja, dort arbeitet man mit arabischen Schriftzeichen. Nun finde mal auf Anhieb heraus, was jetzt was bedeutet. War schon lustig.

Wir heißt denn Palästina noch mal auf Englisch. In meinem Grundwortschatz war diese Information nicht enthalten. Ich fragte meine Nachbarin, allerdings nicht die Polin, die sprach mit mir nur in polnisch, was ich aber dankend ablehnen, auch wenn sich nach der Abwahl des einen Zwillings das deutsch‐polnische Verhältnis ordentlich verbessert haben sollte. Ja, sie käme aus den USA und so zeigte ich ihr den Pass des Herren und fragte, wie denn das Land zu dem Paß im Englischen heißen würde. Pakistan kam weniger als Antwort, denn als Frage. Nein, meinte ich, Pakistan wäre es garantiert nicht. Eine Hilfe war die Dame nicht, und so tapperte ich nach hinten in die Kombüse um eine Stewardess zu fragen. Die war gerade dabei, die Formulare für Formularunkundige auszufüllen. Wenn ich das gewusst hätte! Klar, dass sie große Stücke auf mich hielt und mich nett fand, wo ich hier doch Arbeit abnahm.

Ich kam zurück zu meinem Platz, informierte die Amerikanerin kurz über Palästina und wollte mich fröhlich an die Fortführung meiner Arbeit machen, da meldete sich schon die Nachbarin des Palästinensers. Irgendwie schien ich mich zum Experten für diesen Formularkram zu entwickeln. Aber da war ja noch die Zollerklärung. Die füllte ich soweit aus, wie ich konnte und fragte ihn dann, der Form halber, ob er Früchte oder Fleisch einzuführen gedenke. Was sind Früchte? Ich versuchte es anhand von Äpfeln zu erklären, bis mir einfiel, dass Äpfel vielleicht nicht zu den Standardobstsorten in Palästina zählten. Ich ging dann mal von einem Nein aus.

Die Französin hatte nur eine kleine Frage, die innerhalb von Null‐komma‐Nix beantwortet war. Da habe ich mal ordentlich an der Völkerverständigung gearbeitet. Nun bin ich aber richtig müde, und deshalb muss die Einwanderung, der Zoll, das Mietauto und das Hotel auf seine Bescheibung warten.

2007-10-30T04:51:00+00:0030. Oktober 2007|Categories: Unterwegs, USA 2007|Tags: , , |Kommentare deaktiviert für Rückenwind