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Maarten ‘t Hart – »Die Netzflickerin«

Der Januar war ja »bös« ein Maarten ›t Hart‐Monat für mich gewesen. Ein Roman gelesen und sofort diesem Schriftsteller verfallen. Dieses ist noch eine Nachtrag dieser Phase im Januar. Mittlerweile bin ich mit neuem Stoff versorgt und so darf damit gerechnet werden, dass ich den Holländer hier in absehbarer Zeit noch häufiger erwähnen werde. Verdient hat er es auf jeden Fall.

Hat man schon »Das Wüten der ganzen Welt« gelesen, so wird einem in diesem Roman einiges bekannt vorkommen. Der Apotheker Simon Minderhout aus dem Städtchen Maasslouis begegnete dem Leser schon in dem genannten Roman. Er war es, der Alexander zu sich nach Hause einlud und dort die Möglichkeit gab, auf einem anständigen Klavier zu spielen. Zwar verdächtigte Alexander auch den Apotheker des Mordes an dem Polizisten, aber gleichzeitig spielte Simon Minderhout eine große Rolle bei der Berufswahl Alexanders.

Der Polizistenmörder‐Jäger spielt in diesem Roman aber überhaupt keine Rolle. Es wird die Geschichte des Apothekers erzählt: Wie er aufwuchs, wie er Apotheker wurde, sein Verhältnis zur Musik und seine große Liebe. Dass seine große Liebe auch sein großes Verhängnis werden würde, wird einem schon beim Lesen des Buchrückentextes klar.

Simon Minderhout hatte sich in eine Netzflickerin verliebt, die bei ihm in der Apotheke stand und Medikamente verlangte. Sie konnte kein Rezept vorweisen und erklärte, dass die Rezepte für Freunde von ihr waren. Die Nazis waren im Ort und die Medikamentenabgabe strikt reglementiert. Ausnahmen sollte es nicht geben. Simon Minderhout setzte sich darüber hinweg. Er war von dem Mädchen so fasziniert, dass er ohne weiteres Überlegen das Risiko eingeht.

Jahre später, Simon Minderhout ist ein alter Herr, wird er bei seinem Spaziergang von einer Gang von Motorradfahrern umringt und einer der Jungs erklärt ihm, er müsse eine größere Summe an ihn zahlen, denn sonst würden böse Sachen aus seiner Vergangenheit veröffentlicht. Minderhout nimmt es nicht als Scherz und flüchtet sich zu einem Polizeiwagen, der zufälligerweise vorbeikommt. Er kann sich nicht erklären, was die jungen Leute von ihm gewollt hätten und er kann sich auch nicht erinnern, dass er irgendwann mal irgendetwas Verurteilenswertes getan hätte.

Was seine Abfuhr bewirkt, merkte er erst einige Zeit später. In einer Zeitung taucht sein Name auf und dazu eine Geschichte, dass er es gewesen wäre, der eine Gruppe von Widerständlern an die Nazis verraten hätte. Die Geschichte nimmt seinen Lauf. Andere Medien nehmen die Geschichte auf, suchen Zeugen, die über Minderhout aussagen könnten. Der Leser, der die Geschichte Minderhouts kennt, weiß, dass der Apotheker immer ein Kauz gewesen ist.

Er hat einen Deutschen während der Besatzungszeit kennengelernt, der sich ebenso wie er für Musik interessierte. Klar, dass es zu seinem Nachteil ausgelegt wird. Jede sarkatische Bemerkung, der vierzig Jahre vorher getan hat, wird jetzt wieder ausgegraben und zu seinem Nachteil ausgelegt. Minderhout ist verzweifelt und zieht sich zu seinem alten Freund Aaron zurück, paradoxerweise einem Juden, dessen Leben er während der Besatzungszeit er gerettet hat.

Minderhout merkt, dass sein Außenseitertum, das er über die Jahre so hingenommen hat, sich nun wie ein Bumerang gegen ihn wendet und dass er von der Gesellschaft keine Gnade erwarten darf. Egal, was er zu sagen hat, er wurde schon verurteilt.

Die Geschichte ist weniger traurig, als sie hier klingt. ‘T Hart gibt uns wieder einen tiefen Einblick in die holländische Geschichte und die Mentalität der Bewohner des Landes, er macht die Leser neugierig auf Musik und lässt sie froh zurück, angesichts der Sprache (hier sei natürlich auch ausdrücklich der Übersetzer gelobt!), mit der man verwöhnt wird.

2007-03-02T09:00:00+00:002. März 2007|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Maarten ‘t Hart – »Die Netzflickerin«