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Amélie Nothomb – »Reality‐Show«

Da saßen wir zusammen, hin und wieder viel der eine oder andere Begriff und ich musste feststellen, dass sie mir überhaupt nichts sagen. Ich habe deutliche Defizite bei mir festgestellt, was meine TV‐Medienkompetenz angeht. Andererseits ist es natürlich so, dass ich nichts vermisse. Ich habe nie den Hype, der von anderen Medien um »Deutschland sucht den Superstar« und »Big Brother« gemacht wurde. Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich kritisch mit einer Medienerscheinung auseinanderzusetzen, wenn daraus aber sabberndes Spannen wird, hat jemand seinen Job verfehlt.

Eine Ausnahme sei erlaubt: BILD – aber das ist schließlich auch das Zentralorgan für diese Art von Berichterstattung, dafür quasi erfunden worden. Nun gibt es schon im x‐ten Jahr »Big Brother« und erfreut sich mal mehr und mal weniger guter Beliebtheit. Hier hat mir nicht nur die Berichterstattung darüber gestunken, vielmehr hat mir die Sendung an sich schon gestunken. In letzter Konsequenz war es mir aber egal, denn schließlich haben sich in den Containern Menschen eingefunden, die die Volljährigkeit erreicht haben, und sich bewusst gewesen sein sollten, dass sie Medienhuren geworden waren.

Das tägliche oder wöchentliche Spannen, was denn in diesen Wohncontainer passiert (oder provoziert worden) ist, wird aber auch dem dümmsten Zuschauer irgendwann langweilig. An dieser Stelle setzt der neue Roman von Amélie Nothomb an. Eine Fernsehstation ist mit den bisherigen Formaten nicht glücklich, ein neues Format muss her. Es ist verdammt schwer, ein neues Format zu erfinden, welches gleichzeitig Kritiker und Zuschauer anspricht. Mit den Kritikern ist kein Geld zu verdienen, also ist es vielleicht bessern, man nimmt ein Format, welches in anderen Ländern schon erfolgreich gelaufen ist und verschärft es.

Wobei verschärft eine sehr sympathische Umschreibung ist. Pannonica beispielsweise geht arglos in einem Park spazieren, als sie von einer Gruppe von Bewaffneten mit anderen Parkbesuchern zusammengetrieben wird, auf Laster verfrachtet wird und unter Beobachtung einer Reihe von Kameras verschleppt wird. Initiatoren dieser Aktion ist die Produktionsgesellschaft einer Fernsehshow, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die ultimative Reality‐Show ihren Zuschauern zu bieten.

Dabei werden wahllos Leute »verhaftet« und in ein – ja, ein unangenehmer Name – Konzentrationslager gebracht. Hier gibt es die Gefangenen und die Aufseher. Letztere wurden in einem mühseligen Prozess ausgewählt, in der es darum ging, in dem ein Kriterium war, wie gut man damit zurecht kam, andere Menschen zu quälen. Auf dieser Seite stand Zdena, und die kam bestens damit zurecht, Menschen zu foltern.

In dem Roman stehen sich Pannonica und Zdena gegenüber. Ob bewusst oder nicht sei einmal dahingestellt, aber den Produzenten ist es sehr recht, dass sich eine Beziehung entwickelt zwischen den beiden Frauen. Zdena, die nur im Sinn hat, Pannonica, die sie nur unter ihrer Lagernummer kennt, zu unterwerfen. Auf der anderen Seite die schöne Pannonica, die allen Anfeindungen von Zdena trotzt, und die Prügeleien über sich ergehen lässt.

Nun sollte man denken, dass ein Aufschrei der Entrüstung angesichts eines solchen TV‐Konzepts durch das Land gehen würde. Das ist auch recht. Die Kommentatoren in den Zeitungen überschlagen sich mit Bewertungen, die eigentlich nur einen Schluss zu lassen: Die unmoralische Sendung müsste abgesetzt werden! Was natürlich schwer ist, denn durch die Berichterstattung bekommt die Sendung noch mehr Zuschauer und die Einschaltquoten überschlagen sich fast. Die Presse, um Öffentlichkeit heischend, erreichte das ganze Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollte. Partizipiert aber gleichzeitig von der Aufmerksamkeit, die sie der Sendung zukommen ließ. Ein Teufelskreis.

Um der Geschichte noch mehr Pfeffer zu geben, werden die Regeln im Lager weiter verschärft. Man führt eine »Selektion« ein, und die Wärter wählen jeden Tag zwei Gefangene aus, die hingerichtet werden sollen.

Womit man nicht rechnet, ist der Widerstandswille von Pannonica und ihren Mitgefangenen.

Nun mag man reflexhaft auf Diejenige einschlagen, die sich diese Art von Geschichte ausgedacht, eine Geschichte die pervers anmutet. Aber Amélie Nothomb hat uns überhöht dargestellt, wo die Entwicklung in der Medienwelt hingehen könnte. Wir mögen der Meinung sein, der gesunde Menschenverstand wird die Welt vor einer solchen Realität schützen. Andererseits ist es mit dem gesunden Menschenverstand in der Regel nicht so weit her.

2007-03-16T09:00:02+00:0016. März 2007|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Amélie Nothomb – »Reality‐Show«