Ganz, ganz schlechte Nachricht - ohne JavaScript werden wir hier nichts...

Eroberung

Morgen, glaube ich, werde ich mal an die Waterfront gehen, und schauen, wie es mit diesen Katamaranen aussieht. Auf jeden Fall werde ich den Fotoapparat mitnehmen, und vielleicht lassen sich ein paar schöne Fotos schießen, wenn es denn auf’s Wasser rausgeht. Heute hatte ich auch keine Lust, direkt nach Hause zu stiefeln, und deshalb habe ich mit zum City Center aufgemacht.

Selbiges war mir anfangs ein riesiges Rätsel, denn ein Center ist in Deutschland ja immer irgendwas zum Einkaufen, meistens sind diese neudeutschen sprachlichen wie architektonischen Konstrukte auch gut bewacht und an der Waterfront von Cape Town kann man ja auch beobachten, dass hierzulande das auch gut funktioniert. So war ich am letzten Freitag zum ersten mal im City Center und stellte fest: Das ist die Stadtmitte. Ich fragte die Lehrerin, dass ist das City Center. Nein, dass ist »in die Stadt gehen«.

Ein sprachliches Konstrukt, was man auch in einigen Gegenden von Deutschland kennt, allerdings nicht in allen, wie ich weiß. Wir wohnten früher ziemlich in der Mitte von Potsdam. Wenn wir in die Einkaufsstraße und in die umliegenden Straßen gehen wollte, hieß es aber trotzdem: »Wir gehen in die Stadt.« Als ich das anderswo anwendete, wurde mir prompt entgegnet: »Aber Du bist doch in der Stadt.« »Ja, aber nicht richtig.« Die Frage ist immer, was man als Stadt bezeichnet, ob für einem eine Stadt wirklich am Ortseingangsschild beginnt, ob man mit »in die Stadt gehen« nicht den Kern der Stadt meint. Für mich ist es Letzteres. Wenn ich nach Kiel in die Stadt fahre, dann ist sicher nicht irgendein Außenbezirk gemeint. Hier in Cape Town ist es nicht viel anders.

Da waren wir also in der Innenstadt gewesen und hatten uns dort letzten Freitag ziemlich schnurstracks zur Nationalgalerie begeben, die wirklich sehenswert ist. Für einen heißen Tag in Kapstadt ist sie schon deshalb empfehlenswert, weil sie schön kühl ist, aber das sei nur am Rande gesagt. Da ich für meinen Teil die alten Schinken schon ziemlich häufig gesehen habe, fand ich die »andere« Kunst natürlich viel interessanter. Sie wirkte auf mich ziemlich naiv, andererseits aber auch wieder recht modern. Mit solcher Kunst kann man heute in jeder größeren europäischen Stadt etwas werden. Besonders sehenswert fand ich die HIV‐Ausstellung, die nicht nur auf Malerei oder Fotografie beschränkt war.

Nun ist Stiefeln bei diesem Temperaturen hier nicht die beste Idee, besser ist es, man nimmt einen Minibus. Die sind, wie schon erwähnt, allgegenwärtig und auch nicht zu überhören. Ich stand kaum am Straßenrand, da preschte schon einer ran. Die Besatzung besteht immer aus zwei Leuten (da ich nicht weiß, ob ich das schon erwähnt habe, tue ich das hiermit nochmal). Einer ist Fahrer, der andere ist Schaffner. Der Schaffner kassiert ab, ist für das Aquirieren von Fahrgästen zuständig und sortiert die Fahrgäste gegebenenfalls im Bus (nach ihren Zielorten und nach ihrem Gepäck). Vorne beim Fahrer können zwei weitere Gäste sitzen, dann gibt es vier Reihen, die zu viert besetzt werden. Der Schaffner zählt da nicht immer richtig mit. Zu Stoßzeiten hat man dann fast zwanzig Mann an Bord. Wenn einem von hinten einfällt, er möchte aussteigen, kann ordentlich was los sein. Ist es dann noch jemand vom Kaliber Ottfried Fischers, ist auf alle Fälle was los.

Der Fahrer vorn macht also vorne ordentlich Tempo, während der Schaffner (so noch Platz ist) die ganze Zeit aus dem Fenster »City Center. City Center.« brüllt, was von dem Fahrer durch Hupen unterstützt wird.

Da kann man einen Fahrradfahrer schon mal übersehen. So wie mir heute passiert. Ich saß gemütlich in meinem Bus (was man so gemütlich neben einer dicken Mutti von der Statur Ottfried Fischers nennen kann), und der Bus wollte abbiegen. Ich sah, auf der Kreuzung tendelte ein Radfahrer. Warum er da so besoffen rummachte, wusste ich nicht. Ich dachte mir aber, das wird der Fahrer schon sehen. Gleichzeitig dachte ich mir, das Fahrradfahrer hat ja wohl auch Augen im Kopf. Das waren zwei Annahmen, die nicht von dieser Welt waren. Es war ein bisschen mehr als Streifen, aber der Fahrradfahrer hatte sich gut im Griff und fiel nicht um. Die Scheibe vom Bus war ein wenig lädiert, ich weiß nicht, ob irgendwas raufgefallen war oder ob es vorher schon so gewesen ist. Der Bus hielt an. Wartete kurze Zeit. Dann stieg der Fahrer aus, ging zum Fahrradfaher, sie beschimpften sich gegenseitig, der Fahrer kam zurück und die Tour ging weiter.

Ich habe übrigens zu keinem Zeitpunkt angenommen: »Mist, die holen jetzt die Polizei und dann werden wir stundenlang von der Polizei vernommen.«

Wenn ich auf einer Messe stehe, und es kommt jemand zu mir und lächelt mich wissend an, so kann er mich ordentlich in die Bredouille bringen. Ich habe nämlich kein besonders gutes Namensgedächtnis. Oder andersherum: Manche Leute haben nicht mit sovielen Leuten zu tun wie. Ich weiß, dass es komplizierter gibt, und dass es Bankangestellte gibt, die nicht nur den Namen sondern auch die Kontonummer ihrer Kunden im Kopf haben. Zu denen gehöre ich definitiv nicht. Bei mir ist es ja anders: Ich sehe jemanden, und dann sehe ich ihn 9 Monate, zwei Jahre nicht mehr, und dann taucht er plötzlich bei einer Veranstaltung auf. Neulich hätte ich beinahe einen Herren mit einem völlig falschen Namen freudestrahlend begrüßt, bis mir aufgefallen ist, dass seine Begleitung nicht in den Kontext passt. Es wird ja auch gesagt, dass man die Asiaten oder Afrikaner kaum auseinander halten kann, was Blödsinn ist. Wenn man sich Gesichter eingeprägt hat, kann man sie auch auseinanderhalten. Wenn es zuviele sind, wird es aber wieder schwierig. Worauf ich hinaus will: Ich bin am Green Market und versuche mich zu orientieren. Ein lustig angezogener Mann stolziert vorbei und ich bin am überlegen, ob ich ihn fotografieren soll (was man kann, aber dann muss man zahlen), als ein anderer Mann auf mich freudestrahlend zukommt. Mist! Er reicht mir die Hand und ich überlege: Wo kennst Du den her? Da fragt er mich, wo ich herkomme. Blöd gelaufen! Jetzt erkenne ich, dass er mich nicht kennt und ich ihn dementsprechend auch nicht kennen kann. Freundlich präsentiert er mir eine CD von sich und meint, ich könnte diese CD mit orignal südafrikanischer Musik kaufen. Was für ein Pech für ihn, dass ich so vorsichtig bin und nicht mit besonders viel Bargeld durch die Stadt spaziere. Wenn ich bei solchen Ausflügen 70 Rand (umgerechnet 7 bis 8 Euro) dabei habe, dann ist das wirklich viel. Aber sich nicht genug, um ihn seine CD zu bezahlen. Das bisschen Geld, was ich dabei hatte, war in meiner Rückfahrt nach Seapoint wirklich gut angelegt.

Aber Verwechslungen kommen ja nicht nur in Südafrika vor: Meine Schwester ist mit ihrem Auto bei mir in Borgdorf gemeldet. Ist günstiger. Am letzten Donnerstag hatte sie Geburtstag. Normalerweise rufe ich an, wenn ich unterwegs bin, und sage zu meiner Frau: »Vergiss nicht, mein Schwesterchen hat heute Geburtstag!« Dann ruft Susann, die wie jede Frau gern telefoniert, bei meiner Schwester an. Tue ich das nicht, nun ja, man kann es sich denken. Wir telefonieren also am Sonnabend miteinander, und ich frage: »Sag mal, hast Du am Donnerstag an Steffis Geburtstag gedacht?« »Oh nein!« Kleine Pause. »Ich habe ihr am Donnerstag eine Mail mit einem Abzug eines Straffotos geschickt, welches bei uns für sie angekommen ist.« Was für ein Geschenk!

2007-02-06T21:00:00+00:006. Februar 2007|Categories: Südafrika 2007, Unterwegs|Kommentare deaktiviert für Eroberung