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Victor Klemperer – »Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten«

Wussten Sie, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland mit 48% beziffert wird? Sicher mag es die eine oder andere Untersuchung geben, die mit anderen, niedrigeren Zahlen aufwarten kann, aber es gibt vielleicht auch so manche, die mit Zahlen aufwarten kann, die noch drastischer sind. Nicht zu vergessen der Schreck, als sich herausstellte, dass viele Bundesbürger verdrossen die Demokratie betrachten.

Immer noch stimmt der Spruch, dass die Demokratie nicht das Wahre sei, Besseres aber auch noch nicht gefunden wurde. Besonders fällt das in Zeiten auf, in denen die Regierenden den Eindruck machten, sie hätten kein Plan. Nun hat man schon alles durchprobiert. Schwarz-Gelb, Rot-Grün und dann noch eine Große Koalition: Der Zustand der Politik hat sich aber nicht geändert. Die Unfähigkeit der Politik entzündet sich schon an Kleinigkeiten wie einem Nichtraucher-Schutzgesetz und bringt es nicht einmal fertig, Gesetze zu beschließen, die der Bundespräsident als verfassungskonform unterzeichnen würde. Resignation greift um sich und man kann sich nur freuen, dass die NPD es vielleicht schafft, sich ein selbst geschaufeltes Finanzgrab zu legen. Was wäre, wenn sie gut bei Kasse wäre? Nicht auszudenken!

Womit ich beim eigentlichen Thema wäre: Pflichtliteratur! Gerade für 9,90 Euro herausgekommen und deshalb auch von gut verarbeiteter Qualität ist eine Zusammenstellung von Victor Klemperers Tagebüchern aus den Jahren 1933 bis 1945 innerhalb der SPIEGEL-Edition, einem eindrucksvollen Dokument des Lebens im Dritten Reich. Allerdings aus der wenig berauschenden Perspektive eines Juden. Ich habe lange mit dem Gedanken gespielt, mir die Tagebücher zu kaufen. Dass sie jetzt in einer »Spar-Variante« erschienen sind, nehme ich dankbar hin.

»Die Juden haben ihre eigene Kultur.« Ja, gibt es. Aber sie sind auch Bestandteil der europäischen Kulturen geworden. Viele sahen sich in erster Linie als Deutsche jüdischen Glaubens, nicht als Juden, die rein zufällig in Deutschland lebten. Nicht wenige ließen von ihrem Glauben ab und konvertierten. Genau betrachtet ist beispielsweise der zum Protentatismus konvertierte Victor Klemperer wesentlich deutsch-nationaler eingestellt als meine Wenigkeit. Ein Kriegsfreiwilliger im ersten Weltkrieg, mit Auszeichnung versteht sich. Ein glühender Verfechter des deutschen Nationalismus. Aber dann kam halt Hitler.

Der Mann war nicht für seine differenzierte Welt sich bekannt. Ein Jude war ein Jude. Ob der nun im Weltkrieg für Deutschland gekämpft hat oder den Glauben wechselte, war völlig egal.

Dass mit diesem Mann Unheil kommt, das war Victor Klemperer schon alsbald klar. Aus seinen Tagebuch-Eintragungen geht hervor, mit welcher Skepsis er den Aufstieg von Hitler betrachtete. Schnell kam es zu den Verboten politischer Parteien und mit Abscheu berichtet der Tagebuchschreiber davon, dass in den Pressepublikationen des Landes bald das Hakenkreuz prangte. So schnell, wie sich die Leute anpassten, konnte man gar nicht denken. Das war wohl auch das Problem: Die Leute dachten nicht. (Ich will ja nichts unterstellen, aber das Phänomen ist uns heute nicht unbekannt.)

Die Schikanen gegen die Juden ließen nicht lange auf sich warten. Der Professor unterrichtete noch zwei Jahre, aber sein Kurs wurde kaum noch frequentiert. Wer wollte sich schon von einem Juden unterrichten lassen? Es gab ein Beamtengesetz, damit war Klemperer, der in Dresden lehrte, Matt gesetzt. Er verbrachte seine Tage zu Hause. Das Geld wurde knapp und mit Mühe und Not bauten sie ihr Haus fertig. Aber was hatten sie davon? Bald gab es Gesetze, die Juden verboten Wohneigentum zu besitzen. Sie hatten auszuziehen und das Haus zu verkaufen oder zu vermieten.

Es gab das Verbot, Leihbibliotheken aufzusuchen, die Straßenbahn durfte nur auf der offenen Plattform benutzt werden (geschlossene Straßenbahnen verboten sich somit ganz), später kamen Ausgeh- und Kaufverbote dazu. Juden wurden die Rationen zusammengestrichen, sie durften Lebensmittel nicht aufbewahren, sie durften keine Schreibmaschinen mehr besitzen. Grund genug, zu verzweifeln, sich nach einem Fluchtweg umzusehen.

Hier kommt halt zum Tragen, was Victor Klemperer von mir unterscheidet. Als vaterlandloser Geselle hätte ich mich von dannen gemacht, eine neue Heimat gesucht. Aber Victor Klemperer war Deutscher. Er wollte den Tag abwarten, an dem das Pack verschwand. Als erkannte, dass das Pack ganz gut zurechtkam, auch wenn es dies hauptsächlich mit Repressalien tat, war es zu spät. Die Ausreise wurde von Deutschland nicht mehr erlaubt, und davon abgesehen, wollten die anderen Länder Flüchtlinge auch nicht mehr aufnehmen. Das große Glück von Klemperer war, dass er mit einer arischen Frau verheiratet war. So kann er über die Jahre genau beschreiben, wie die Juden deportiert wurden. Früh berichtet er in seinen Tagebüchern davon, dass die Juden nach Polen in Lager verbracht wurden und das dies einem Todesurteil gleich kam. Früh fällt auch das Wort Vergasung.

Interessant seine Schilderungen des Volkes und der »vox populi«. Oft ist zu lesen, dass er als »Jud« beschimpft wurde, angerempelt wurde und schikaniert wurde. Es gab aber auch andere Stimmen: Menschen, die auf ihn zutraten, und ihn begrüßten und die Hand gaben, ohne dass er sie je vorher gesehen hätte. Rühend auch, dass wildfremde Menschen seine Rechnungen auf dem Markt übernahmen, wohl darauf achtend, dass sie dabei nicht beobachtet wurden. Schließlich hatte man den jüdischen Deutschen ihr Einkommen genommen und versorgte sie mit speziellen Lebensmittelmarken (Kleidungsmarken gab es für Juden nicht, rasieren sollten sie sich auch nicht – Rasierseife wurde ihnen gestrichen). Von den vielen kleinen Stichen, die den Juden vor ihrer Deportation gegeben wurden, wussten viele Leute nicht. Aber spielt das eine Rolle, wenn eine große Zahl von ihnen, sich an den täglichen Stiche- und Rempeleien beteiligt hatten? Wenn jüdischer Besitz übertragen wurde? Wenn Juden einfach so verschwanden? Wenn jüdische Abteilungen, die es in der Industrie gab, aufgelöst wurden? Wohl kaum. Es tröstet, dass es die Guten gab, aber eine große Rolle spielte es für den Juden Klemperer nicht, der vermutete, dass sich die guten Deutschen versteckt hätten und doch irgendwann wieder auftauchen müssten.

Wenn sich jetzt also unsere Politiker oben hinstellen und sagen, so etwas wie gibt es nicht, die Demokratie ist wehrhaft, so kann ich nur müde lächeln. Wieviele Bürgerrechte wurden in den letzten Jahren abgebaut? Man kann gar nicht mehr zählen? Wenn dann jemand wie Hitler an die Macht kommen sollte, ein Teil der Arbeit wurde schon erledigt.

2006-12-19T00:01:00+00:0019. Dezember 2006|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Victor Klemperer – »Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten«