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J.M. Coetzee – »Schande«

Kein Zufall war es, dass ich zu dem Buch griff. Südafrika, mein nächstes Reiseziel, wollte ich auch literarisch ein wenig erobern. Ich finde, es gehört dazu. »Schande« ist weit davon entfernt ein Krimi zu sein, trotzdem steht im Mittelpunkt der Geschichte ein Verbrechen. Zufall war es wohl, dass kurz nachdem ich das Buch gelesen habe, eine Flut von Meldungen über Verbrechen in Südafrika über mich hereinbrach.

Aber natürlich kann ich das sofort relativieren: Schließlich werde ich mich nicht in den Townships bewegen, schon gar nicht ohne fachkundige Begleitung, ich werde nicht allein irgendwelche Berge besteigen und es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass ich auf dem Lande auf einer Farm als alleinstehende Frau leben werde. Letzteres ist gänzlich unmöglich.

Als Universitätslehrer ist David Lurie eine Null. Er versteht es nicht, seine Studenten zu begeistern, was aber auch daran liegt, dass er im Bereich Kommunikationswissenschaften unterrichtet, während er Literatur studiert hatte und diese liebte. Nur gab es keine Stellen für Literaturprofessoren. Da er der Meinung anhing, von irgendetwas müsste der Mensch leben, ging er den Kompromiss ein, und studierte ein Fach, dass ihn nicht interessierte und das vor Studenten, die ihn nicht interessierten.

Von einem Verhängnis kann man nicht sprechen, weil sich die fatalen Ereignisse um seine Tochter auch ohne ihn so ergeben hätten. Aber er wäre nicht dabei gewesen. Lurie hatte sich in ein Mädchen seiner Klasse verguckt und sprach sie einer Eingebung folgend an. Er lud sie auf einen Drink bei sich ein, kochte für sie und verführte sie. Eigentlich wollte das Mädchen nicht, und man muss es so hart sagen, David Lurie war es egal. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, einer Vergewaltigung beizuwohnen. Immerhin was es so, dass es strafrechtlich keine Vergewaltigung war. Die Affäre flog auf und David Lurie reicht seinen Rücktritt ein, da er nicht bereit ist zu bereuen und Besserung zu geloben. Alle Brücken, die ihm gebaut werden, reißt er ein. Der Professor ist vielleicht der Meinung, dass es Zeit ist, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Er plant eine Reise zu seiner Tochter, die auf einer abgelegenen Farm in der Ostkap‐Provinz lebte. Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Seine Tochter lebte allein auf der Farm, eigentlich wähnte Lurie noch eine Freundin bei seiner Tochter, aber sie hatten sich wohl getrennt, ohne dass es Lucy, die Tochter, zugegeben hätte.

Lurie wird in das Leben eingeführt, das Lucy führte: eine Hundepension, ein wenig Farmarbeit, Sonnabends der Verkauf von dem Angebauten auf dem Markt. In ihrer Freizeit unterstützte Lucy Bev, die für den örtlichen Tierschutzverein arbeitete. Nach einer Phase der Langeweile, fügt sich Lurie den neuen Gegebenheiten an. Er hilft seiner Tochter und macht sich in der Tierklinik von Bev nütze. Auch wenn seine Arbeit darin besteht, Hunde einzuschläfern.

Der große Schnitt ist der Überfall auf Lucy und David Lurie. Drei Männer stehen vor dem Haus und möchten telefonieren. Als Lurie aufgeht, dass es eine Falle ist, ist es schon viel zu spät. Er bekommt was mit der Stange übergezogen und als er zu Bewusstsein kommt, muss er feststellen, dass er in der Toilette eingesperrt wurde. Schreien und Hämmern hilft nicht, er wird komplett ignoriert. Irgendwann öffnet sich die Tür und einer der Männer übergießt ihn mit einer Flüssigkeit und zündet ihn an.

Die Flamen kann er besiegen, die Verletzungen sind nicht so arg – zerstört ist das Leben von Lucy, die mehrmals vergewaltigt wurde. Die Gemeinsamkeiten zwischen dem Professor und seiner Tochter waren vorher schon sehr klein, aber nach diesem Vorfall, stellt der Professor fest, dass er seine Tochter überhaupt nicht kennt. Sie zeigt keine Ambitionen, sich zu wehren, zeigt die Täter nur wegen eines Autodiebstahls an und denkt nicht daran, ihre Farm zu verlassen. Lurie versteht nicht, dass seine Tochter sich einerseits nicht wehrt und kein Interesse an einer Strafverfolgung hat, andererseits nicht einmal einen Umzug in Erwägung zieht, jetzt, wo sie doch weiß, wie sehr ihr Leben in Gefahr ist.

Coetzee hatte dieses Buch in Südafrika heftigen Gegenwind eingebracht. Er stellt das Leben in Südafrika als recht‐ und gesetzlos dar. Kriminalität interessiert nicht, der Einzelne hat auf sich acht zu geben. Seine Gegner waren der Meinung, dass dies nicht so wäre. Allerdings selbst sieben Jahre nach Erscheinen des Buches, hat es von seiner Aktualität nicht eingebüßt. Die Kriminalität gehört heute noch zum Alltag; Geld und die richtige Hautfarbe mögen das Risiko minimieren – die Kriminaltiätsraten in west‐ und mitteleuropäischen Städten scheinen paradieshaft im Gegensatz zu den Zuständen in Südafrika sein.

Der Schriftsteller benennt dies und zeigt noch etwas anderes: Die Verhältnis von Lurie zu dem Mädchen war falsch, war unrecht. Wenn auch strafrechtlich nicht verfolgenswert, so war es auf jeden Fall moralisch verurteilenswert. Trotzdem macht es anderes Unrecht, das ihm und seiner Familie geschieht nicht ungeschehen. Er bleibt Mensch, er leidet wie andere Menschen und verdient es auch, wie ein solcher behandelt zu werden.

2006-12-27T09:00:00+00:0027. Dezember 2006|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für J.M. Coetzee – »Schande«