Bekanntermaßen ist es nie zu spät, mal etwas Neues zu wagen und so war es gestern wieder soweit: Ich bin in ein Weihnachtskonzert gegangen.

Früher musste ich spätestens im November anfangen, Weihnachtslieder auf dem Klavier zu spielen. Nicht gerade mein Lieblings-Repertoire und das Verhältnis wurde mit den Jahren weniger innig. Ziemlich lange wurden an Heiligabend Weihnachtslieder auf dem Klavier gespielt. Irgendwann konnte es der Hund nicht mehr hören und legte sich irgendwo in der Wohnung in die Ecke und heulte, wenn Weihnachtslieder gespielt wurden. Ein Schauspiel, an dem ich durchaus Gefallen fand – aber man soll ja Tiere nicht quälen.

Auch nachdem Putzi, so hieß sie, gestorben war, gab es Weihnachtslieder im besten Fall von CD. Bis zur letzten Woche, als mich Susann anrief und meinte: »Am Sonntag ist ein Weihnachtskonzert. Kommst Du mit – ich bezahle auch!« Als ob es das Geld wäre…

Man kann ja nicht immer »Nein« sagen. Wenn man sich schon um experimentelles Theater und Ballett drückt, so sollte man in fast einem Ehe-Jahrzehnt (grobe Übertreibung jetzt, ich weiß) schon mal ein Weihnachtskonzert besuchen. Das Programm umfasste die größten Weihnachtslieder aller Zeiten, mit Ausnahme von »Jingle Bells« und »Last Christmas«. Wenn ich Susanne (Achtung, kein Schreibfehler – sondern befreundetes Ehepaar, welches mitkam) richtig verstand, war es zu wenig spritzig. In meiner Übersetzung: zu wenig poppig. Was soll man machen in einem Jahr, in dem der King of Pop gestorben ist? Da wird es schon mal getragener.

Der Männerchor, der fein arrangierte Lieder vortrug, hatte mit einem kleinen Handicap zu kämpfen – zumindest bei uns Zuhörern in der letzten Reihe. Er kam gegen das Baby-Gebrabbel nicht an, welches hinter uns veranstaltet wurde. Die ungehaltenen Reaktionen einiger in meiner Reihe, verstand ich aber nicht. Sind die gleichen Leute, die nach dem Herausgehen aus der Kirche davon sprechen, wie wenig kinderfreundlich es doch in Deutschland wäre. Als die Damen später dazu stießen, hatten die beiden Kindchen hinter uns aber keine Chance mehr. Vielleicht waren sie von den reinen, ja gleich engelhaften Stimmen so fasziniert, dass sie ihre Stimmen erst wieder erhoben, als das gemeine Volk sich abschließend erhob und »Oh du fröhliche« intonierte.

Die Texte von manchen Pop-Songs sind wirklich grausam, was einem gerade bei fremdsprachlichen Texten meist erst nach einer gewissen Weile ausgeht. Meist dann, wenn man die Texte schon auswendig kann. Aber hat sich schon mal jemand mit dem Text von »Oh du fröhliche« befasst? Mitsummen ist besser.

Zwischendrin gab es noch das »Konzert für 2 Violinen, Streicher und Basso continuo in D‑Moll« (Johann Sebastian Bach – BWV 1043). Sehr schön, hat mir gefallen. Ich konnte mich nur nicht erinnern, wo ich es schon mal gehört habe. Gekauft hatte ich es nicht, für ein ganzes Konzert war es zu lang. Merkwürdig. Ich habe zwei Theorien. Nummer 1: Es wurde irgendwo als Filmmusik verwendet. Nummer 2 (mein Favorit): Die Sätze gehören zum Standardrepertoire an Weihnachtsmusik, welche in Einkaufszentren und auf Weihnachtsmärkten gespielt wird. So wie »Stille Nacht, heilige Nacht« und »Last Christmas«.