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Einfach unmöglich

Muss man vor alles und jedes Disclaimer setzen? Nein, sicher nicht. Gerade wenn es sich um körperliche Gebrechen oder Krankheiten handelt, muss man sich verdammt vorsehen. Und so manches Gebrechen oder manche Krankheit kann man dem Betreffenden nicht ansehen. Schlimm wird’s allerdings, wenn so was als Waffe eingesetzt wird. Ein hässliches Beispiel durfte ich neulich im Zug erleben.

Ich gebe gern zu, dass ich die Person schon vorher »gefressen« hatte. Ihr Gehabe hatte mir nicht gefallen, und konnte mir keine Kopfhörer aufsetzen und mich ausschalten, da der Akku in einem bedauernswerten Zustand war und keine Musik mehr drin gewesen ist.

Was war passiert: Der Zug hatte Verspätung. Nicht viel, nicht dramatisch, nichts ungewöhnliches. Pünktlich wie die Eisenbahn würde ich heute immer mit der berüchtigten Akademiker-Viertelstunde gleichsetzen. Dann kommt es einigermaßen hin. Es waren wahrscheinlich fünfzehn Minuten. Genau ausreichend, dass alle Anschlüsse verpasst werden. Die Dame war aber schon beunruhigt. Der Schaffner kam und kontrollierte die Fahrkarten.

»Junger Mann, können Sie mir sagen, ob der Zug die Verspätung aufholt.«
»Das kann ich nicht sagen, Verzeihung, aber das kann mehr werden oder weniger.«
»Das müssen Sie doch wissen.«
»Das kann ich Ihnen aber nicht sagen.«
»Ich brauche meinen Anschluss in Karlsruhe und mit der Verspätung ist der wohl weg.«
»Das ist Spekulation. Ich kann es Ihnen nicht sagen.«

Man merkt, der Zugbegleiter will sich nicht festlegen. Was auch vernünftig ist, denn wer mit der bahn fährt, weiß dass es mehr oder weniger werden kann. Es ist ein wenig wie ein Glücksspiel. Sagen wir die nächste Eskalationsstufe zündet.

»Aber Daundda wartet ein Taxi auf mich, das mich abholt.«

Ein Mensch mit gesundem Menschenverstand würde jetzt sagen. Das ist schlecht für den Taxifahrer, der sich darauf einlässt.

»Ja, aber da kann ich nichts zu tun«, war die logische Antwort des Schaffners.
»Aber dieses Taxi bringt mich zur Klinik, wo ich gleich dran bin.«
»Hmm.«
»Die haben da einen festen Terminplan. Und ich muss zu dieser Behandlung.«
»Hmm.«
»Ich habe Krebs.«

Das war der Augenblick, wo ich hätte aufspringen wollen und einfach nur schreien. Aber es kommt noch besser.

»Dann stellt mir die Bahn das Taxi nach Daundda?«
»Wie kommen Sie denn darauf?«
»Wegen der Verspätung.«
»Aber wir wissen doch noch gar nicht, wie wir Karlsruhe ankommen.«
»Dann müssen Sie sich darum kümmern. Ich brauche dann das Taxi.«
»Ein Taxi werden Sie nicht bekommen, dass bekommt man nur, wenn man den letzten Zug nicht erreicht und die Bahn daran Schuld ist.«
»Aber ich habe Krebs.«
»Nun regen Sie sich doch nicht so auf!«
»Sie sollten mal erleben, wenn ich mich aufrege!«

Der Bahnmitarbeiter: Ruhig, sachlich, höflich und nicht zu beneiden in der Situation. War die ganze Zeit auf Deeskalation aus. Da hätte sie auch an einen ganz anderes Kaliber kommen können.

Die Dame: Offenbar eine Kandidatin für den Darwin-Arward. Wie knapp muss man denn eine Reise zu einem wichtigen Termin planen, wenn alles wegen fünfzehn Minuten Verspätung der Bahn zusammenbricht? Hätte sie nicht einen Zug eher nehmen können, dann hätte sie eine Reserve von einer Stunde gehabt, was schon mal nicht schlecht ist? Oder vielleicht, wenn man am Leben wirklich hängt, am Vortag losfahren? Und wie mies muss mein Charakter sein, wenn ich Menschen, die mit einer Sache überhaupt nichts zu tun haben, eine solche Bürde aufhalse?

Es klingt mies, aber nach der Szene dachte ich mir: Ist wirklich nicht schad’, wenn es nicht klappt.

2009-02-16T21:22:51+00:00 16. Februar 2009|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Einfach unmöglich