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Isabelle Minière – »Ein ganz normales Paar«

Ich für meinen Teil habe es aufgegeben, meine Frau ändern zu wollen. Die Kleinigkeiten, die ich geändert habe, stimmen mich froh und zufrieden. Natürlich sind es nur Kleinigkeiten: Der Müll wird getrennt und es wird darauf geachtet, dass nicht überall Licht brennt. Beim Licht gibt es noch hin und wieder Rückfälle, aber bei der Mülltrennung ist sie viel zuverlässiger als ich. Die anderen, vielleicht größeren Punkte werde ich im Unterbewusstsein nicht missen wollen, sonst würde ich das Gesamtkunstwerk Susann nicht lieben.

Andersrum gibt es hin und wieder eine Klage wegen allzu lässiger Kleidung, und Weihnachten war eine Gelegenheit, daran durch gezielte Geschenke etwas zu ändern. Aber größere Versuche, mich umzumodeln gibt es nicht. Sind auch sinn‐ und zwecklos. Béatrice dagegen hat ganze Arbeit geleistet. Sie sagt ihrem Mann Benjamin, er möge doch bitte Pizza holen und er springt, und holt Pizza. Dreimal die Woche. Er kann Pizza nicht mehr sehen, aber Béatrice liebt Pizza.

Die Kinderbuchautorin, erfolgreich oder auch nicht, bestimmt das Leben. Er muss ein fröhliches Gesicht machen, wenn sie es will, muss sich mit ihren Freunden verstehen und wenn sie Lust auf Sex hat, dann hat er zu funktionieren.

Der Kauf eines Wohnzimmertisches sollte alles über den Haufen werfen, denn ihm wird vom Möbelverkäufer klar gemacht, dass das vermeintlich gute Stück, vor dem er steht, überhaupt nicht die Qualität hat, dass es von außen verspricht. »Innen hohl!« war die Zusammenfassung und während er teilnahmslos daneben steht, wie bei so vielen Aktivitäten seiner Frau, merkt er, dass es sich bei der Beschreibung des Couchtisches um eine Zustandsbeschreibung ihrer Ehe handelte. Innen einfach hohl.

Die Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung und eine große Hilfe bei der Veränderung ist der Chef von Benjamin. Der Apothekenbesitzer drückt seine Sorge über den Umgang Benjamins mit seinen Kollegen aus. Die Kollegen wären doch zufrieden, meint der Apothekenangestellte daraufhin, was der Chef nicht bestreiten kann. Aber ihn störe etwas an dem Umgang: Benjamin könne nie »Non!« sagen und rät dem Nicht‐Nein‐Sager, er möge doch mal zu Hause probieren, ob er daran nicht ändern können. Er umgekehrt, denkt sich Benjamin und erzielt die ersten Erfolge.

Zu Hause dagegen glaubt Béatrice ihren Ohren nicht zu trauen, als sie hört, »Nein, ich will keine Pizza holen. Wenn Du Pizza willst, hole Dir selbst eine.« Benjamin merkt, dass seine Frau Widerspruch nicht gewöhnt ist und fragt sich, ob es wirklich eine gute Idee war, das auszuprobieren. Ein vollständiger Reinfall stellt Benjamin fest, als er Pizza holen geht.

Aber die Lektüre eines alten Philosophen, Plutarch, hilft Benjamin weiter. Er geht einem Buch des Philosophen zu Bett, um zu lesen. Seine Frau kommt, will Sex. Er hat keine Lust und lässt es nicht über sich ergehen, sondern sagt frei heraus, dass er keine Lust hätte, steht wieder auf und geht ins Wohnzimmer um weiterzulesen. Benjamin hat sich befreit und wird fortan von seiner Frau mit dem größten Faustpfand, den sie hat, unter Druck gesetzt: der Tochter Marion.

»Höhste Zeit für die Emanzipation des Mannes!« steht auf der Rückseite des Buches. Ich habe keine allgemeine Sorge um die Emanzipation des Mannes. Es mag genauso viele Frauen mit dem Charakterbild von Béatrice geben wie Männer. Die Entwicklung zu dieser Art von Beziehung lässt sich in der Geschichte nicht nachvollziehen, vielleicht begann es mit Kompromissen, bevor es sich zu dieser »Nummer« (sprich: Erpressung) auswuchs.

Anfangs hatte sich das Gefühl breitgemacht, Benjamin sei ein Schlappschwanz, ein liebenswürdiger wohl und sympathisch auch, aber ein Schlappschwanz halt. Béatrice hätte ich gern geschüttelt, gerüttelt und »Erpresserin« ins Gesicht geschrieen. Letztlich war sie aber für jede Argumentation taub. Jeder suchte, das merkte man deutlich, in der Beziehung den Weg des geringsten Widerstandes.

Umso interessanter ist, die Emanzipation von Benjamin innerhalb der Beziehung zu beobachten.

Beziehungsromane liegen nicht so auf meiner Welle, sie müssen schon gut geschrieben sein. Isabelle Minière schreibt aus der Perspektive von Benjamin. Wir als Leser stehen mittendrin in seinem Leben. Seine Gedankengänge können wir gut nachvollziehen. (Vielleicht eine gute Idee, die gleiche Geschichte aus der Perspektive von Béatrice zu schreiben, die ich nicht nachvollziehen kann. Was geht in der Frau vor?) Es gibt keine Längen, die Geschichte und Entwicklung schreitet so flott voran, das man plötzlich vor dem Ende des Buches steht und sich fragt: »Ja, und jetzt!«

Ob man das Ende in dem Buch als Happy End betrachtet oder als Niederlage, liegt übrigens ganz in der Sichtweise des Betrachters. Isabelle Minière schenkt dem Leser kein eindeutiges Sonnenschein‐Ende, mit dem alle zufrieden sein werden. Ich für meinen Teil habe mir gesagt, ja, so musst es ausgehen und so ist es gut. Meine Frau war, nachdem ich ihr die Situation und Geschichte geschildert habe, nicht meiner Meinung. Aber ich bin da ganz emanzipiert!

(Männer, die sich überlegen, ob sie das Buch als Ermahnung ihren Frauen schenken sollte, sollen aber das Buch vorher selbst lesen. Es könnte sich als Bumerang erweisen.)

2007-03-23T09:00:00+00:0023. März 2007|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Isabelle Minière – »Ein ganz normales Paar«