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Maarten ‘t Hart – »In unnütz toller Wut«

Es war im letzten August: Ich fuhr mit einem Kollegen nach Seligenstadt zu einem gemeinsamen Termin. Was ich las, kann ich nicht mehr sagen, aber mein Kollege vergnügte sich dem Buch eines Autoren, der mir überhaupt nichts sagte. Interessiert fragte ich, ob es gut sein, schließlich ist man immer auf der Suche nach neuen Autoren. Er gab mir das Buch und meinte, aber ja, der Autor wäre wirklich gut. Zum Leidwesen des Autoren muss ich mitteilen, dass er einen Namen trug, den ich mir nicht merken konnte.

Dagegen hatte sich mein Kollege mein Interesse gemerkt und brachte einige Zeit später – im November, glaube ich, – ein Roman mit, und meinte, dass wer der Autor, den er damals im Zug gelesen hätte. Ich nahm das Buch mit nach Hause, legte es in das Eingangsregal, mein Büchereingangsregal, mit der festen Vorgabe, es lesen zu wollen. Die Bücher kamen und gingen, das Buch blieb erst einmal liegen.

Jetzt ging es wieder auf Reisen und ich dachte mir so, eigentlich wäre das Buch mal dran, im Eingangsregal lag auch nicht mehr soviel Dagegen sprach, dass es ein gebundenes Buch war und noch dazu geliehen. Wie ein Buch nach einer Reise aussieht, kann man indes nie prophezeien. Trotzdem nahm es mal mit. Ich las im Zug ein Buch, las es aus und schnappte mir dann den Roman von Maarten t’ Hart, las, las – was ist denn das? Legte es nicht mehr beiseite, kicherte vor mich hin. War begeistert und überlegte, ob es wohl weiterem Stoff von ihm in den Buchhandlungen geben könnte? Schwierig in einer Buchhandlung zu sein, und sich den Namen nicht gemerkt zu haben. Immer noch nicht.

Monward war ein kleiner, verlassener Ort in Südholland. Nichts los auf der Straße, obwohl die Bewohner behaupteten, zu bestimmten Zeiten könne man die Straße nicht überqueren wegen des starken Verkehrs. Ein Ort, der in der Einflugschneise eines Flughafens lag und über den Ort ständig Jumbo Jets donnerten. Es war nicht viel los. Sensationen gab es in dem Ort wenig. Es hatte einen Graf und einen erfolgreichen Bestsellerautor, der sich ausführlich über alle Arten von Sex in sienem Buch dozierte, was ihn im Dorf aber mehr berüchtigt machte denn angesehen.

Eines Tages kam Lotte Weeda in das Dorf und gab bekannt, dass sie sich vorgenommen hatte, die zweihundert markantesten Persönlichkeiten des Dorfes zu fotografieren, um sie in einem Bildband über Monward zu veröffentlichen. Ein anonymer Sponsor aus dem Dorf würde das Projekt unterstützen. Das Dorf ware mit vier‐ bis fünftausend Einwohnern nicht gerade klein und so hieß es zwangsläufig, dass die meisten Einwohner nicht in das Buch kommen würde. Es gab, wie man sich vorstellen kann, ein gewissen Gedränge.

Mancher wollte sich allerdings nicht fotografieren lassen, aber Lotte Weeda war hinter jedem ihrer Kandidaten mit Ausdauer hinterher und bekam jeden vor die Kamera. Dann verschwand sie aus dem Dorf, aber nicht aus dem Leben der Einwohner.

Der Sex‐Bestsellerautor erzählt die Geschichte aus der Ich‐Perspektive. Er hatte die Fotografin bei einer Malerin kennengelernt, der er Modell stand. Da hatte sie ihr Projekt vorgestellt und nun begleitete er die Fotografin bei ihren durch das Dorf, half ihr markante Gesichter zu finden. Zum Abschluss hin wird er gebeten, für das Buch das Vorwort zu schreiben. So ist er für die Dorfbewohner ein Macher des Buches. Sein Ansehen steigt. Aber so wie das Ansinnen in einem Dorf schnell steigen kann, so kann es auch schnell wieder in den Sinkflug übergehen.

Das geschieht, als ein Dorfbewohner nach der Veröffentlichung des Buches bemerkt, dass ein Großteil der Fotografierten, insgesamt zehn Leute, schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Buches verstorben waren. Es waren viele alte Leute drunter, klar, aber auch ein paar kerngesunde Kerle waren unter den Verstorbenen. Der Mann, der sich erst gar nicht fotografieren lassen wollte, beunruhigt das ganze Dorf und macht sich schließlich daran, eine Bürgerversammlung zu dem Thema einzurufen. Er hegt die Vermutung, dass wenn es so weiterginge, alle in dem Buch fotografierten Leute in vier Jahren tot wären. Ordentlich Arbeit für den Totengräber!

Der Ich‐Berichterstatter hat aber noch ganz andere Sorgen: Die Gräfin hat Probleme mit ihrem Mann, der auf die Idee gekommen ist, dass die Kinder seinen zweiten Frau nicht von ihm wäre, schimpft sie eine Schlampe. Die Kinder aus der ersten Ehe waren anfangs eher belustigt als beunruhigt, bevor ihnen ihr Vater eröffnete, dass seine erste Frau hat nicht besser wäre als die Schlampe, die er sich mit seiner zweiten Ehe eingefangen hätte, und die Kinder alle unehelich wären. Zu allem Überfluss verschwindet ein Reptil aus dem gräflichen Haus und in der Presse wird verbreitet, dass es sich um eine Giftschlange handeln würde. Nur der Ich‐Erzähler behaart darauf, dass es sich um eine harmlose Schleiche handeln würde.

Und dann noch die Frauengeschichten: Hingerissen zwischen der Pastorin, der Gräfin, der Kosmetikerin und natürlich Lotte Weeda weiß er kaum noch ein und aus. Der Tod steht im Mittelpunkt der Geschichte, die zu keinem Zeitpunkt traurig wirkt und jeden Kitsch, den man bei einem solchen Thema unterbringen könnte, meidet. Hat man das Buch erst einmal ausgelesen, so wird man sich den Namen des Autoren gut merken können: Maarten t’ Hart. Absolut empfehlenswert!

2007-01-18T00:00:00+00:0018. Januar 2007|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Maarten ‘t Hart – »In unnütz toller Wut«