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Lily Brett – »Chuzpe«

Ich hätte schon ordentlich Chuzpe, wenn ich nicht nachgeschlagen hätte, was genau Chuzpe ist. Ich lag nicht sehr weit daneben. Aber man weiß nie. Hier die Definition nach Wikipedia-Lesart: Chuzpe ist … eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit. Damit wird völlig zutreffend Ruths Vater Edek beschrieben.

Der Mann hat sich im sehr reifen Alter von Australien nach New York versetzen lassen. Wobei dieses »mit sich machen lassen« völlig falsch ist, denn er hat darauf bestanden, zu seiner Tochter zu ziehen. Sie hatte dagegen argumentiert: So weit weg von seinen Freunde und alte Bäume verpflanzt man nicht. Ihre Befürchtungen schienen sich auch zu bestätigen, aber nur die Befürchtungen, die sie ihretwillen hatte, ihr Vater schien sich in New York prächtig wohlzufüllen.

Ruth betrieb einen Briefschreibe-Service und entwickelte Grußkarten. Davon konnte sie gut leben. Aber ihr Vater, der als eine Art Service-Manager in ihre Firma eingestiegen war und es sich zum erklärten Ziel gesetzt hatte, die Organisation in der Drei-Frau-und-jetzt-plus-ein-Mann-Firma zu verbessern, kostete doch einige Nerven. Dass er die Mitarbeiter morgens vom Arbeiten abhielt, in dem er sich in reizender Weise mit ihnen unterhielt, war das eine, dass er Staubsauger mit Navigationssystem anschaffte und Druckerpapier in Massen anschaffte, die IBM Jahre versorgt hätte, eine ganz andere. Hinzu kam noch, dass selbst einfachste Tätigkeiten, wie das Abgeben eines Briefes, sich zu einer mittleren Katastrophe entwickeln konnte: Einem Kunden hatte Edek erklärt, dass es eine Schande sei, dass dieser als Jude noch nie in Israel gewesen wäre. Begeistert war dieser nicht.

Natürlich ist man genervt, wenn der Vater im Büro auftaucht und Massen an Toilettenpapier mitbringt, welches in bester Qualität am anderen Ende der Stadt für viel weniger Geld zu haben war. Aber wenn er es plötzlich nicht mehr tut, ist man auch sehr beunruhigt. Als gute Tochter ist Ruth mehr als beunruhigt, als ihr Vater nicht mehr in der Firma auftaucht und sie ihn nur noch sehr sporadisch zu Gesicht bekommt. Was, fragt sie sich, hat ein Achtzigjähriger plötzlich alles zu erledigen? Welcher Beschäftigung geht er nach? Als sie dahinter kommt, ist sie auf das Allerschlimmste immer noch nicht gefasst. Denn Edek hatte seine Energien darauf verwendet, Zofia und Walentyna den Start im amerikanischen Leben zu erleichtern. Die beiden Damen hatte er kennengelernt, als er mit seiner Tochter Polen bereiste und hatte sie, ganz im Gegensatz zu seiner Tochter, auch ins Herz geschlossen. Ruth erfährt davon erst, als sie von Zofia vom Flughafen aus angerufen wird. Dass Edek beschlossen hat, mit den Damen zusammenzuziehen ist dann auch eine Sache, die Aufteilung der Schlafgelegenheiten bereitet Ruth fast noch mehr Sorgen.

Immerhin war es ausgeschlossen, dass sich noch Nachwuchs ankündigen würde. Denn Zofia ging auch schon auf die siebzig zu. Die Ankündigung, man würde ein Geschäft eröffnen, war noch nicht so der Umhauer. Daran glaubte Ruth nicht, denn Sofia und ihre Senioren-Gruppe wusste noch nicht einmal, womit sie sich selbständig machen wollte. Aber die alten Herrschaften entwickeln einen Plan und weihen Ruht als Allerletzte ein. Die hat das Gefühl, zusammenbrechen zu müssen.

Schon nach wenigen Seiten ist einem Edek ans Herz gewachsen, und auch die Perspektive von Ruth ist durchweg verständlich. Die Frau, muss man sich eingestehen, hat mit allen ihren Bedenken Recht. Aber was hilft es, wenn man mit energiegeladenen Menschen zu tun hat und einem Vater, der in Sachen Chuzpe nicht zu schlagen ist? Nichts. Die Geschichte habe ich genauso atemlos gelesen wie »Eine zu 85% wahre Geschichte«, obwohl sie überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Nur, dass ich sie hintereinander gelesen habe. Zwei so tolle Bücher hintereinander lesen zu dürfen, ist doch auch schon ein Glücksfall.

2006-12-23T09:00:00+00:0023. Dezember 2006|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Lily Brett – »Chuzpe«