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Im Namen

Es gehört ja zum guten Ton, sich erst einmal zu distanzieren. Deshalb werde ich damit gleich mal beginnen: Ich finde Sebastian Edathy nicht sonderlich sympathisch. Als er »erwischt« wurde, empfand ich eine gewisse Genugtuung, schließlich war mir seine Haltung zur Vorratsdatenspeicherung noch präsent und dachte mir, so ist das halt mit den Gruben, die man sich selbst gräbt. Seine Strategie, sich mit dem Verweis auf griechische Kulturgeschichte zu verteidigen, hielt ich auch nicht für sonderlich geschickt. Das war so arrogant, wie er halt immer daher kam.

Ganz gewiss war es nicht sonderlich geschickt, nach dem Prozess – der gegen eine Geldauflage eingestellt wurde -, in die Öffentlichkeit zu gehen, und zu verkünden, er hätte nicht gestanden und hätte als unschuldig zu gelten. Das mag formal richtig sein, kommt aber in einer Gesellschaft, die erhebliche Vorbehalte gegen prominente Nackt-Knabenbild-Betrachter hat, nicht besonders gut an. Insofern sollten ihn die Reaktionen auf dieses rechthaberische »Ich bin so rein«-Statement nicht überraschen.

Ich habe überlegt, ob ich mich über die Herrschaften, die in den Facebook- und Twitter-Kommentaren zu wüten, wirklich aufregen soll. Wollte ich nicht, aber ein paar Gedanken will ich dann doch noch in Bytes wandeln.

Wir haben hochbezahltes Personal bei den Gerichten, die sich Gedanken über Recht machen. Den haben wir die Beurteilung darüber, was Recht ist und was nicht in die Hände gelegt. Das geht sehr oft gut, machmal auch nicht. Gericht und Staatsanwaltschaft werden sich genau angeschaut haben, was in anderen Fällen für Recht gesprochen wurde und in diesem Sinne auch zu ihrer Entscheidung gekommen sein. Fest steht, dass es wohl keine Sonderlocke für Edathy gab, und er auch kein anderes Urteil verdient hätte, als der Pädophile, der einem Handwerk nachgeht oder in einem Angestellten-Verhältnis steht.

Ein Anrufer hat es im Radio meiner Meinung nach auf den Punkt gebracht: »Die Rechtssprechung braucht keine Emotionen« und ergänzte, dass nur der Mangel an Emotionen es ermöglichen würde, moralisch Recht zu sprechen.

Man kann Straftaten nicht miteinander vergleichen. Was soll der Vergleich, dass Edathy mit 5.000 Euro Strafe davon komme und ein Reus für Fahren ohne Führerschein 500.000 Euro bezahlen müsse? Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Das Verfahren des Einen wurde gegen eine Auflage eingestellt – es ist also noch nicht einmal eine Bestrafung (man möge dem oben genannten Link bitte folgen, wenn man den Unterschied noch nicht realisiert hat, da ist es gut erklärt) und der andere hat sein Fehlverhalten anerkannt (weil es wohl nicht zu leugnen war) und hat eine Strafe in Abhängigkeit seines Einkommens kassiert. Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn man sich darüber aufregen will, dann sollte man vielleicht ein Blick darauf werfen, dass Vergehen gegen Eigentum immer noch härter bestraft werden, als Vergehen gegen das Wohlergehen von Mitmenschen. Aber das war schon immer so.

Wenn man dann von Kommentatoren noch liest, Herr Edathy möge ihnen bitte nicht im Dunkeln auf der Straße begegnen, und Stichworte wie »Kastration« und ähnliches fallen, was soll man dazu noch sagen? Durch die freie Meinungsäußerung ist das sicher nicht mehr gedeckt. Man bekommt Zweifel, ob derjenige wirklich die Integrität hat, sich zu äußern. Nur weil man darauf dann noch hunderttausende Likes eingesammelt hat, hat man noch lang nicht recht. Das ist wie mit dem Scheißhaufen und den Millionen von Fliegen. Wer irrt da noch mal?

Zu dem Thema »Pädophilie und Krankheit« schaffen es viele Kommentatoren sich festzulegen. Es wird Edathy vorgeworfen, er sei pädophil und damit (geistes)krank. Wenn er aber krank wäre, dann dürfte man ihn doch nicht bestrafen oder es müsste zumindest strafmindernd sein – schließlich kann man für eine Krankheit in den seltensten Fällen etwas?

Aber an der Stelle sind wir wieder am Ausgangspunkt: Es wird zu viel emotional reagiert. Man wünscht sich mehr Mr. Spock oder, wenn es schon menschlich sein darf, einen Maigret, der sagte: »Verstehen, nicht urteilen.« Das ist schwer, das ist unbequem – aber wie sollte man denn sonst gerecht sein und Recht sprechen können?

Oder geht es um Rache, eine Art Stellvertreter-Rache? Aber warum regen wir uns dann noch über Albaner auf oder die Scharia? Wenn wir das als Maßstab erheben würden, wie viel aufgeklärter und zivilisierter sind wir dann noch?

Es geht nicht um die Verteidigung von Sebastian Edathy, seiner Taten, Neigungen und Ansichten – anderes Thema. Da wäre ich der falsche Verteidiger. Mir würde schon wohler sein, wenn begriffen wird, dass unser Justizsystem wirklich nicht so schlecht ist, wie manche meinen.

2016-11-05T07:33:38+00:00 4. März 2015|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Im Namen