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272 Stufen

Manche Sachen müssen einem gesagt werden. Ein Beispiel: Ich teilte den Kollegen mit, dass der Freitag ein kürzerer Arbeitstag werden würde. Dem stimmten die Zöglinge zu und meinten, am Freitag wäre die Lunch‐Zeit länger – zwischen halb ein Uhr und halb drei. Ich raffte das mal gar nicht und wunderte mich nur, warum man an einem Freitag länger Pause macht, wo doch ein früher Feierabend viel, viel besser wäre. Nun ja, hier wird die Sache mit den Freitagsgebeten halt richtig ernst genommen. So gibt es immer Kompromisse: Wir haben eine halbe Stunde früher angefangen, und da nur muslimische Frauen in der Gruppe waren – die Männer preisen andere Götter – war es möglich, bis zum ein Uhr die Schulung durchzuführen.

Natürlich stellte sich mir dann die Frage: Wäre es anders, wenn Männer in der Gruppe wären? Aber ja, war die Antwort, die Frauen dürften freitags beten, wo sie wollten, die Männer müssten in die Moschee – und diesmal in die richtige, nicht nur in den Firmen‐Gebetsraum.

Steffi ist nun angekommen. Sie saß gestern in der Lobby und im Anschluss versuchten wir mal zu klären, wie sich das mit dem Zimmerpreis entwickeln würde. Unglücklicherweise habe ich immer mit der gleichen Dame zu tun, die mich mal überhaupt nicht versteht. Bis wir heraus hatten, dass das Zimmer 14 Euro mehr kostet und wir dafür auch eine Extra‐Rechnung bekommen würden, dauerte es geschlagene zehn Minuten. Was immer sie an meinen Hotel‐Daten zu ändern hatte, wir kamen im Anschluss nicht mehr in unser Zimmer. Heute dann gleich das gleiche Drama: Wir versuchten ihr klar zu machen, dass wir das Hotel bis Sonntag verlassen würden, das Zimmer behalten (also nicht auschecken) und sie sich keine Sorgen machen sollten. Es wäre nur eine Information, trug ich gebetsmühlenartig vor. Es half überhaupt nichts, sie wollte uns auschecken, eine Rechnung erstellen, wunderte sich, über uns und mir stand wieder der Schweiß auf der Stirn. Weitere zehn Minuten. Das ist insofern verwundernlich, als wir mit anderen Leuten überhaupt gar kein Problem haben, uns verständlich zu machen.

Meine Schulungs‐Zöglinge waren der Meinung, dass es eine gute Idee wäre, wenn ich Batu Cave besuchen würde. Ich war dem nicht ganz abgeneigt, dass ich die Begrifflichkeit schon auf einem S‐Bahn‐Zug gelesen. Man konnte dahin kommen, die gute Nachricht. Was das war, wusste ich nicht, und man war in der Gruppe wohl der Meinung, dass das Hinkommen ein Problem sein könne und eine der Damen würde in der Nähe wohnen und könnte uns begleiten. Ich schloss mich der Mehrheits‐Meinung einfach mal an und so wurde festgelegt, dass wir am nächsten Abend gemeinsam aufbrechen würden. Das bescherrte Steffi die Gelegenheit nach dem Begucken des Hotelzimmers wieder Aufbrechen zu dürfen. Die Dame nahm uns mit dem Auto mit, was generell komfortabel war, da das Auto nicht so überfüllt war und man sitzen konnte. Allerdings hatte es den Nachteil, dass man eine Stunde im Stau verbrachte. Stau hat man bei der S‐Bah nicht, vorausgesetzt, sie kommt. So lernte Schwesterchen den Weg zu Arbeit kennen und konnte die voreilig gefasste Meinung, in KL wäre ja alles wunderbar sauber, gleich mal revidieren. Es gibt sicher Orte mit mehr Dreck. Aber den Dreck, den sie sah, dürfte ihr genügt haben.

Wie eine Streberin hatte sich Steffi schon vorher informiert, was es mit Batu Cave auf sich hatte. Ein hinduistischer Tempel in einer Höhle. Hörte sich interessant an. Ich hatte noch gefragt, ob es sich lohnen würde, dort am Abend hinzufahren, schließlich wäre es ja dunkel. Nein, es wäre beleuchtet und würde sich schon lohnen. Was sie mir nicht erzählten, zumindest nicht vorher, war, dass man ordentlich Treppen zu steigen hat. Unsere nette Fahrerin, die uns neben bei, Kuala Lumpur erklärte, meinte, es wären hundertsiebzig Stufen. Sie wäre da allerdings noch nie gewesen. Nun ja, ist ja auch nicht ihre Religion. Steffi meinte später, die Anzahl würde nicht stimmen, es wären weniger. Ein Blick in den Reiseführer belehrte uns eines Besseren: 272 Stufen, ohne die, die in der Höhle selbst wären. Was für Aussichten! Aber wir verdienten uns unser Abendbrot und stiegen hoch. Es war schön: Zum Einen war die Höhle eindrucksvoll, zum Anderen die Architektur in ihr. Man steht oben, blickt auf die Stadt, geht dann in die Höhle und der Lärm verschwindet. Wahrscheinlich ist es nicht immer so ruhig, wie an einem Donnerstag um 19.00 Uhr, wo nur vereinzelt Menschen anzutreffen waren, aber für uns war es ein schöner Moment.

Während der Fahrt konnte ich all meine dummen Fragen loswerden. Ich hatte zum Beispiel gehört, dass der Koran nur in Arabisch geht – wenn ich das mal so amateurhaft ausdrücken darf. So fragte ich unsere Fahrerin, ob es wirklich so wäre und ob sie denn arabisch könne.

»Ich kann es lesen. Ja.«

»Aha.« Da fehlte doch was, und es kam…

»Aber ich verstehe es nicht.«

Die Fragezeichen standen mir wohl im Gesicht.

»Ich kenne die Schriftzeichen«, erläuterte sie, »und kann es aussprechen. Aber nicht verstehen.«

»Hmm.«

»Aber ich weiß, was ungefähr gemeint ist und worum es geht.«

»Du könntest Dich jetzt aber nicht mit einem Saudi‐Arabier unterhalten?«

»Nein.«

»Hmm.«

»Ich versteh ihn ja nicht. Lustig, nicht?«

Kann man so sagen. Damit war auch das geklärt.

Nach der Fahrt durch den Stau, und KL hat so richtig schöne dicke Staus – also wer das liebt, ist in der Stadt zwischen fünf und sieben Uhr nachmittags gut aufgehoben -, fuhren wir mit der S‐Bahn wieder heim (der Fahrservice galt nur für eine Richtung). Wir kamen auch fast bis zu unserem Ziel. Wir mussten einmal umsteigen und da lag dann das Problem. Der Zug kam nicht. Wir hatten dreihundert Stufen aufwärts hinter uns gebracht und so langsam kam der Hunger über uns. Die Uhr zeigte die Abfahrtszeit an und kurz bevor der Zug ankommen sollte, fing diese Anzeige an, heftig zu blinken. War die geplante Abfahrtszeit um, hörte sie auf zu blinken und zeigte die Abfahrtszeit de nächsten Zuges an. Das machte sie dreimal, dann kam eine Durchsage. Wir verstanden kein Wort und da es deutliche Absetzbewegungen auf dem Bahnsteig gab, gaben wir uns auch einen Schub und machten uns auf den Weg zum Taxistand.

Die Taxis, die man hier so hat, sind in der Regel Prepaid‐Taxis. Man bezahlt vielleicht nicht vorher, aber sehr oft, wird vorher der Preis festgelegt. (Auch dann, wenn man wie ich Trottel, statt eines Taxis ein Limousinenservice angedreht bekomme – man lernt halt nie aus). Wir kauften ein Ticket und fuhren so fix es ging (ohne Stau), zu unserem Hotel und aßen, kurz bevor alles schloss, noch leckere malayisches Essen (wen es interessiert: Satay mit einer Erdnuss‐Soße, die ein Gedicht war, und Chicken Curry, was so scharf war, das Steffi kapitulierte).

Zum späten Lunch waren wir heute beim Suchi‐King und nahmen das vom Band, was wir so kannten. Da fuhr so einiges an uns vorbei, was nicht mehr zu erkennen war. Im Anschluss war die Frage, wie kommen wir zum Flughafen. Man könnte mit dem Zug fahren, meinte Steffi. Eine flotte Kalkulation ergab aber, dass sich das nicht rechnen würde. Der Zug würde 35 RMI pro Nase, das Taxi 80 RMI. Dafür wäre es ein wenig komfortabler, da man kein Gepäck zu schleppen hätte. Letztere Annahme stimmte.

Allerdings, und das war eine kleine Unbequemlichkeit, nahm der Taxifahrer nicht den Weg, den wir kannten. Und wir kannten schon zwei unterschiedliche Wege. Nein, er fuhr erkennbar Umwege und auch im Kreis. Dann teilte er uns mit, während er auf eine Tankstelle fuhr, dass der Tank fast leer wäre, ihm aber die Warteschlange zu lang wäre. Ich schaute mal auf die Tank‐Anzeige, die stand in der Tat auf »E« für ganz leer. Wir waren noch am Überlegen, ob er uns überhaupt zum richtigen Flughafen waren würde – die Kombination aus fast leerer Tank und vielleicht falscher Flughafen lässt einen auch in einem Taxi zappelig werden. Die eine Sorge nahm uns Steffi dann, in dem sie das iPhone konsultierte und dort die Mail mit der Flugbestätigung herauskramte: Der Flughafen war wohl der Richtige. Immerhin was. Der Taxifahrer fand dann auch eine Tankstelle und die Länge der Warteschlange war auch o.k. Was immer er getankt hatte, es sorgte nicht dafür, dass sich die Tank‐Anzeige bewegt hätte. Vielleicht funktionierte sie ja auch nicht. Aber es war auf jeden Fall das erste Mal, dass ich es erlebte, dass während einer Taxifahrt das Fahrzeug betankt wurde. Darüber hinaus war es auch die einmalige Gelegenheit zu erleben, dass während des Tankvorganges der Motor weiter lief.

Diese geschriebenen Zeilen beweisen, dass es gut gehen kann.

Nun sind wir am Flughafen und warten auf den Flug. Dieser hat Verspätung. Es handelt sich dabei um ein spezielles Billig‐Terminal und mit »billig« ist nicht nur der Flug gemeint, sondern auch der Bau. Es ist nicht viel mehr als eine Wellblech‐Hallenansammlung mit Sicherheitsschleusen und einer stattlichen Anzahl von Shops. Das Ganze ist nicht ansatzweise zu vergleichen mit dem internationalen Flughafen.

Wir schauen mal, was noch so passiert heute.

2011-10-14T12:57:25+00:0014. Oktober 2011|Categories: Malaysia 2011, Unterwegs|Tags: , |Kommentare deaktiviert für 272 Stufen