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Der Fan

So hätte ich auch werden können, wenn ich denn ein Faible für Fußball gehabt hätte. Oder ich vielleicht in eine Stadt gezogen wäre, die einen Fußball‐Club ihr eigen genannt hätte, der erfolgreich genug gewesen wäre, in der ersten oder zweiten Liga zu spielen. Dann wäre ich vielleicht jemand, der in einem Sweatshirt mit Vereinsaufdruck durch die Republik reist, um seinen Verein bei Auswärtsspielen anzufeuern. Aber es gibt immer noch einen Fan, der noch mehr Fan ist, der Fan++.

Ich mag es, wenn mich Menschen überraschen. Ihm, nennen wir ihn einfach den Eintracht‐Fan, ist es gelungen. Durch und durch kommunikativ, erklärte er den älteren Damen, dass wohl kein Platz mehr im Zug zu finden sei und sie sich mit ihrer Situation abzufinden hätten, sprich sich einfach hinsetzen und nicht lamentieren. Die eine Dame wollte partout nicht auf ihn hören, stellte sich als behindert vor und fand auch prompt einen Platz, der ein paar Reihen hinter uns lag. Mir war dies recht, denn schon nach zweieinhalb Sätzen war klar, dass sie in die Kategorie Profi‐Nörglerin gehörte und ich bedauerte die arme Person, neben der sie Platz gefunden hat. (»Ich werde mich beschweren«, war der siebte Satz, den sie herausbrachte, bevor sie sich über die Mitmenschen ausließ, die durch den Zug gingen. In Internet‐Foren gibt es die liebenswerte knappe und prägnante Verabschiedung, die im richtigen Leben aber noch nie von jemanden gehört habe und jetzt auch nicht der Erste sein wollte, der sie anwendete: »Geh sterben!«.)

Mein Eintracht‐Fan war auch ganz froh, hatte er den Sitz doch nun für sich und konnte auch den Tisch, der uns trennte, in größerer Breite nutzen. Er holte ein Heft aus, von dem ich meinte, es wäre der STERN, aber da mein Nachbar bis Frankfurt diesen schon gelesen hatte, kannte ich die Themen des Heftes schon. Ich hätte, selbst wenn ich gewollt hätte, nicht Leseinhalt schnorren können, denn er packte das Heft gleich wieder weg.

Aber es war nicht der STERN, der in seinem Rucksack ruhte, aber das wurde mir erst zwei Minuten später klar. Vielmehr: klar gemacht. Er riss ein Tütchen auf. Ich dachte: »Hey, jetzt liefern die mit dem STERN Mini‐DVDs aus. Blöd, mit denen könnte ich ja nie etwas anfangen. Egal, ich bin ja kein STERN‐Leser.« Aber es kam keine DVD heraus, schon gar nicht im Mini‐Format. Wie langweilig.

Man will ja nicht starren. Aber den Stapel von Nicht‐Mini‐DVD‐Tütchen in roter Farbe war jetzt nicht mehr übersehbar. Denn sie lagen direkt vor mir. Unübersehbar. Was hatte der Mann vor?

Vorsichtig riss er ein weiteres der Tütchen auf und stellte fest, dass ich gaffte. Lächelte. Vermutlich nicht, weil er sich ertappt fühlte, sondern glücklich und augenblicklich, ich hätte nicht einmal eine Waffe ziehen können, um mich selbst zu verteidigen, hatte er die Gelegenheit ergriffen und zauberte aus dem Rucksack »Topps Fußball‐Bundesliga« hervor. Da raffte ich es endlich. Sammelbild‐Album. Er reichte es mir: »Mein Sammelalbum.«

So manches in Sachen Anstand wurde mir von meinen Eltern in meiner Elternhaus‐Zeit mit auf den Weg gegeben, anderes erlernte ich später. Aber eine angemessene Reaktion auf »Vierzigjähriger Mann gibt Dir sein Bundesliga‐Sammelheft zum Bewundern« war in meinem Repertoire noch nicht vorhanden. Ich nahm das Heft und guckte mir ein paar Seiten pflichtbewusst an, und mir wurde klar, dass seit dem ich das »Großen Sammelalbum der Mitglieder des Politbüros und Zentralkomitees der SED« geschenkt bekommen hatte, kein Sammelalbum mehr in den Händen gehalten hatte. Zwischen Fußballern und Politikern ist schon ein Unterschied. Sein Sammelalbum ließ mich seltsam kalt.

Nach einem mir adäquat erscheinenden Zeitraum, der etwa dreißig Sekunden dauerte, gab ich ihm das Album zurück und uns beiden wurde klar, wir würden keine dicken Fußball‐Freunde werden.

Für die Mimik, die sich meines Gesichts bemächtigte, würde so mancher sicher bezahlen. Da bin ich mir sicher. Verstehe ich. Aber ich wurde kurz darauf entschädigt: Eine Herrschaft aus dem mittleren Managment auf Kurzurlaub mit Frau in Richtung Hamburg unterwegs, konnte nicht anders und nutzte die Zeit im Zug, um mit seinem iPhone zu spielen (vielleicht war es auch ein anderes Smartphone, aber die Apple‐Dinger werden einem im Augenblick ja in jedem Shop hinterhergeschmissen, damit man, um etwas Besonderes zu sein, schon ein Nokia nehmen muss). Nachdem er seinen Blick von seinem Spielzeug lösen konnte, und die Umwelt wieder wahrnahm, schaute er zu unserem Tisch und erblickte einen Tisch, auf dem feinersäuberlich Stapel von Sammelbildern lagen, sortiert nach: »Hab ich«, »Hab ich nicht.«, »Trikots, die ich habe.« und »Trikots, die ich nicht habe.«

Wäre es eine schlimme Woche gewesen, die es nicht gewesen ist (sehen wir mal von dem Folterbett ab), ich wäre für vieles entschädigt worden. So war es nur ein Bonus. Vielleicht war die Fassungslosigkeit nur ein Spiegel meiner eigenen Fassungslosigkeit, die sich wenige Minuten vorher auf meinem Gesicht abgespielt haben muss.

2011-01-21T17:54:58+00:0021. Januar 2011|Categories: Unterwegs|Tags: |Kommentare deaktiviert für Der Fan