Betrachtet man es objektiv, so sind die Reisen, die wir machen nicht sonderlich aufregend. Zumindest aus der Sicht desjenigen, der sich tagtäglich durch den Dschungel schlägt oder irgendwelche Achttausender besteigt. Trotzdem rede ich immer von kleine Abenteuern und selbst eine Reise in eine so gewöhnliche Stadt wie Paris, in der man sich darauf verlassen kann, dass Du an der nächsten Ecke ein Toilette und fließend Wasser findest, hat so ihre Geheimnisse und hält die Überraschungen bereit, die das Reisen reisenswert machen.

So ging mir beispielsweise erst gestern auf, warum wir vor einigen Jahren so kläglich beim Metro-Fahren gescheitert waren und dafür viele Kilometer durch den Regen latschen durften. Das kam so: Es war Streik in Paris und zumindest die U‑Bahn-Fahrer hatten sich entschlossen, dass es besser wäre, die Pariser einen Tag lang der besonderen Freude des Bus- und Taxifahrens auszusetzen. Nun ist Taxifahren nicht für jedermann etwas und so ganz waren sich die U‑Bahn-Fahrer nicht einig oder man hatte einige Chefs hinter das Steuer gesetzt, also es fuhren hin und wieder Züge. Die Bahnsteige waren gerammelt voll.

Wir standen vor der Wahl nach links oder rechts zu gehen. Ich hatte mich vielmehr an dem Plan orientiert und meinte, wir müssten nach links gehen, um die Metro zu erreichen, die uns an unser Ziel bringen würde. Mein Reisebegleiter war dagegen vielmehr dafür, nach rechts zu gehen. Und ich glaube, dass ich jetzt nach fünfzehn Jahren dahinter gekommen bin, warum das so ist: Die Züge waren aus unser Sicht als Deutsche auf der falschen Seite. Auf den Bahnhöfen war mit das schon auf den Fahrten nach Saint-Lô aufgegangen, bei der Metro ist es jedoch das gleichen. Wenn wir meinen, in eine bestimmte Richtung zu fahren, so gehen wir auf die rechte Seite der Plattform. Eine Franzose würde dagegen die andere Richtung nehmen. Wir hatten also die falsche genommen, fuhren entgegen der gewünschten Richtung und waren beim Rückmarsch restlos bedient. Es waren offenbar die einzigen beiden Züge, die fuhren, und wir hatten unsere Chance vertan. Zumindest sahen wir dann noch auf der Straße ein Frauen-Pärchen, was sich unter Anfeuerungsrufen schlug – das schien aber keine Metro-Angelegenheit zu sein.

So muss ich bei Metro-Rolltreppen in Paris auch immer aufpassen, weil ich instinktiv auf die richtige (also die falsche) Seite zustrebe, um auf- oder abzufahren, und trete den Leuten auf oder um die Füße. “Ahh, ein Tourist.” denken die sich sicher, und sind sich gewiss, dass ich kein Engländer oder Inder bin.

Sauerkraut könnte es auch mal wieder geben, finde ich. Vielleicht mit Blutwurst. Nun hätte ich beinahe gesagt, dass es mich nach einem typisch deutschem Essen sehnt. Aber da springt der kleine Restaurant-Franzose aus seiner Ecke und ruft mir zu: “Ja, das haben wir doch auch. Und bei uns ist es besonders lockt.” Es sollte eine Überleitung zu einer Entschuldigung sein, dass ich mich dieser Woche in Paris, dem französischen Essen im Großen und Ganzen verweigert habe. Am Montag war in einem Imbiss und habe dort ein Sandwich Chicken Complet gehabt, nachdem ich kurz erwägte, das Couscous zu nehmen – aber Couscous im Imbiss war mir dann doch etwas zu gewagt. So wurde es dieses Sandwich und dazu gab es Fritten, die auf französisch auch irgendwie erfreulicher und weniger fettig klingen – aber natürlich nicht sind. Das ganze wurde auf einem Tablett serviert, ohne Teller. Na, hätte ich das gewusst.

Dienstag war der Tag, an dem ich annähernd französisch gegessen habe – zweimal Salat. Nicht sehr erhebend, zumal er ohne besondere Zutaten war. Also auch der Dienstag war kulinarisch ein Reinfall.

Gestern dann schließlich: Ich sah ein Pizza Hut. Das hatte ich ja nun wirklich lange nicht gehabt, dachte ich mir, zog ein wenig Geld und betrat das Lokal. Ach, das war ja ganz anders als in Deutschland. Es gab die Möglichkeit Stücke zu kaufen, aber nicht mehr um diese Uhrzeit, zumindest waren keine vorrätig. Ich versuchte, so muss man es nennen, eine Pizza zu bestellen, denn mein typisches “Je voudrais…” funktioniert meistens allerbestens – bis zu dem Punkt, an dem die Nachfragen kommen. Deshalb versuche ich in der Regel meinen Wunsch präzise zu äußern und schicke dann Stoßgebete in den Himmel. Bei Pizza Hut hatte ich kein Glück. Offenbar waren noch eine Menge Dinge zu klären, und ich konnte mir bei dem Kauf einer Pizza beim besten Willen nicht vorstellen, was man außer Poulet und Champignons noch auf der Pizza haben können wollte. Da wir so nicht weiterkamen, fragte ich höflich, ob englisch gesprochen würde. Darauf ging, was ich dann aber irgendwie rührend fand, die Suche nach einem Mitarbeiter los, der des Englischen mächtig war. Gab es, bekam ich mit, allerdings, so die erschütternde Erkenntnis, gerade mit anderen Aufgaben betraut und unabkömmlich. Plötzlich konnte der Kollege am Schalter auch ein wenig englisch und die Transaktion wurde erfolgreich abgewickelt. Ich bezahlte und wartete voller Hoffnung auf meine Pizza. Der Schalter-Verkäufer kam zu mir und erklärte, mit dem Tarif, den ich bezahlt hätte, könne ich soviel Pizzas essen, wie ich möchte – drei, vier, fünf, das wäre überhaupt gar kein Problem. Ich hielt das für einen Witz, denn die Pizza, die kam, war anderthalb mal so groß wie die, die man in Deutschland bekam. Dafür wurde ich jetzt aber, “ein Ausländer, wir haben einen Ausländer im Laden!”, mit besonderer Sorgfalt behandelt. Das Plastik-Besteck war jetzt mehr ein Witz, aber irgendwann kam die besonders englischkundige Dame an meinen Tisch und fragte, ob ich noch eine Pizza wolle. Nein, ich wollte nur noch nach Hause rollen und schlafen.

Ach ja: Gibt es schon irgendeine Initiative gegen die unverschämt hohen Eis-Preise in Paris? Über vier Euro für zwei Kugeln und dann handelt es sich noch um Fabrik-Eis von Nestlé, da verschwindet bei mir abrupt jeder Appetit auf eine Nascherei.