Der Aufbruch heute Morgen erfolgte dann doch ein wenig überhastet. Die Gründe lagen aber auf der Hand: Es gab keinen Kaffee. Wer Susann kennt, weiß, dass dies einem globalen Notstand nahe kommt – eine Katastrophe, die die globale Erwärmung in den Hintergrund rücken lässt. Außerdem gab es auch nichts zu Essen, außer einem halben Sandwich von Subway, das durch die Nacht im Kühlschrank aber nicht gewonnen hatte.

Wir waren uns einig, dass das Duscherlebnis vom Vortag noch halten würde und wir deshalb uns auf den Weg machen sollten. Wir fuhren nach Whistler hinein und fanden nichts. Da es regnete und wir keinen Plan hatten, suchten wir nicht besonders lang, sondern fuhren dann in Richtung Pemberton. Das war nur dreißig Kilometer entfernt und unterwegs, da waren wir guter Hoffnung, würde sich schon ein Lädchen finden, wo wir uns mit dem Nötigsten – Kaffeefilter – und dem Allernötigsten – Kaffee – versorgen könnten.

Um halb neun Uhr fuhren wir in der Stadt ein, mir fällt es ehrlich gesagt immer schwer, Stadt zu sagen, aber so werden die Orte hier gehandelt, und merkten sofort, dass wir von den deutschen Supermarkt‐Öffnungszeiten verdorben sind. Der Supermarkt machte erst um neun Uhr auf und damit hatten wir wahrscheinlich noch Glück.

Nebenan gab es ein kleines …, ich bin mir gerade nicht sicher; Restaurant trifft es nicht, Imbiss auch nicht, also ein Raum, in dem Lebensmittel zubereitet werden, das auf den Namen »Grimm’s« hörte. Die Bedienung war flott und nett, das was an Portionen zum Frühstück kam, war teilweise riesig und nicht zu schaffen und dazu auch noch schmackhaft mit Pluszeichen. Auch wenn das Ambiente an Ausstattung etwas dürftig war, wurde das durch die Herzlichkeit der Bedienung wieder wett gemacht. Wie heißt es auf EBay immer so schön: »Gerne wieder!«

 

Dann ging es in den Supermarkt, wo wir die Grundversorgung vornahmen. Außerdem gab es noch ein wenig mehr als die Grundversorgung, wenn ich an die Kekse und die Chips denke, die mit in dem Einkaufskorb landeten. Unsere Fitness‐Trainer wären nicht stolz auf uns. Ganz und gar nicht. Aber wir haben auch Weintrauben geholt.

Draußen regnete es so vor sich hin. Kurz hinter Pemberton biegt die 99 ab und führte uns auf eine traumhafte, Berg‐ und Seen‐reiche Landschaft. Kurz vor dem ersten größeren See und auch den ersten größeren Berg, von dem wir zu dem Zeitpunkt noch nichts ahnten, fuhren wir durch eine Kurve und von der anderen Seite kam uns ein Wagen entgegengeschossen. Dieser brach unmittelbar bevor er uns passierte aus der Kurve aus und ich sah nur noch aus den Augenwinkeln, wie er im Straßengraben landete. Da kann man jetzt sagen, was man will: Aber da haben wir ordentlich Glück gehabt, hätte er sich auf uns zubewegt, wäre das nicht so glimpflich ausgegangen. Denn das ist es, sowohl Fahrerin wie auch Hund waren in dem Wagen wohlauf, der im Straßengraben landete. Wir waren gleich hingeeilt und fragten, ob wir was helfen konnten. Aber es war wohl genug, dass die Fahrerin ihren Schreck artikulieren konnte … und der Hund auch.

Nur zwei, der nun Vorbeikommenden, hielt an und fragte, ob alles o.k. wäre und ob er helfen könne. Einer von den beiden, die nicht hielten, drehte wohl bei der nächsten Möglichkeit um und konnte seine Seilwinde anbieten, um das Auto der Frau aus dem Graben zu ziehen. Praktisch, solche Jeeps. Die optimisische Einschätzung der Frau, dass mit ihrem Wagen ja nichts wäre, würde ich so nicht unterschreiben.

Wir vergaßen das Erlebte aber mit wahnsinniger Geschwindigkeit, da die Landschaft nun so schön wurde, dass man nur vergessen konnte. Das Wetter klarte auch langsam auf, manchmal gab es noch einen Schauer und die Berge waren in Wolken verhüllt. Das hat aber seine Reize gehabt. Auf dem ersten größeren Platz, auf dem wir hielten, regnete es noch ein wenig heftiger, so dass wir von einer Wanderung zu den Wasserfällen, Abstand nahmen. Dort sahen wir sie das erste Mal.

Kurze Zeit später hielten wir an einem Platz, der geschottert war und einen inoffziellen schönen Blick bot. Sie waren hinter uns, bremsten auch, winkten uns zu. Wir kannten die nicht, woher auch?

An dem nächsten Platz waren sie schon da. Sie hatten sich ein schönes Plätzchen gesucht, aßen ein wenig was und tranken Cola aus Plastikbechern. Lächelten und winkten uns zu. Fragten mich, ob ich ein Bild machen würde. Na gern, dafür bin ich ja prästiniert (die Holländer, die jetzt neben uns stehen, wollten, dass ich gleich vier Bilder von ihnen mache – eines noch mal extra für WhatsApp). Sie – mittlerweile hatte ich herausgekommen, dass es Japaner waren – zwei Bengels, die einen viel größeren RV fuhren als wir (der berühmte RV‐Neid: Größe ist ein Kriterium, sanitäre Ausstattung ein weiterer und schlussendlich auch die Frage, ob der Wagen Slide Out hatte, oder nicht. Da waren die einfach besser dran!) – gaben mir den Foto‐Apparat und tanzten dann aber so viel um mich herum, dass ich nicht erkennen konnte, wer jetzt vor welchem Hintergrund fotografiert werden wollte. Dann zeigten sie noch auf Susann und die Frau Schwiegermama und meinten, die sollten auch mit aufs Bild. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie wollten ein Bild mit uns Europäern. Als die Damen auch noch mitmachten, waren sie mehr als aufgeregt. Jeder wollte mit uns den flotten Vierer machen.

Wir sind nicht ganz bis Lillooet bekommen, ein Kilometer vorher gibt es wunderbare Aussichtspunkte auf einen See, und da sich die Abbiegung nach Cache Creek unmittelbar vor dem Ort befindet, sind wir abgebogen. Aus der Ferne hatte man den Eindruck, dass man nicht viel verpasst hat.

Die Landschaft die nun folgte, war nicht mehr ganz so gewaltig. Schön, aber sie wurde ein wenig kärger. Es gab auch fast keinen Regen mehr.

So kamen zeitig an unserem Endziel des heutigen Tages – der Historic Hat Cache Creek Ranch – an. Dieses ist eine Art Museum und stellt das Leben auf einer ehemaligen Poststation nach. Kann man haben, muss man aber nicht. Wir fanden es ganz nett, zumal die Pferde, die tagsüber ihren Dienst auf der Ranch als Touristen‐Beglücker versehen, mir noch einen Gefallen taten. Die ersten Beiden kamen nämlich und suhlten sich im Staub und schüttelten sich. Die Video‐Kamera war aus. Zwei Stunden später, wir hatten gerade Abendbrot gegessen, machte das die größere Gruppe dann noch mal. Da war ich dann auch so weit.