Wir sind in der Helmcken Lodge untergekommen, die zwar eine unmittelbare Nähe zu den Wasserfällen im Namen trägt, diese aber relativ ist. Da hat man noch ein paar Kilometer zu fahren. Vorgestern, als wir ankamen, war es recht leer. Keine Camper, keine Zelte. Ein paar Leute in den Lodges – also recht still.

Als ich gestern zu der Dusche unterwegs war, musste ich mir auch keine großen Gedanken um meine Reputation machen, als ich auf halben Wege feststellte, dass ich meine Schlaf‐Boxer‐Shorts falsch herum angezogen hatte und der Schlitz nach hinten zeigte. Es war keiner da, der es hätte sehen können. Heute hätte das schon anders ausgesehen, aber es sind nur drei Camper dazugekommen. In der Dusche dürfte keine Überfüllung beklagen zu sein.

Wie erhofft, war das Wetter gestern um Längen besser als die Vortage. Morgens konnte man schon einen Blick auf die schneebedeckten Berge erhaschen. Erhaschen deshalb, da es drüber noch Wolken gab und drunter auch. Aber wir haben die Berge schon mal gesehen.

Nachdem Frühstück starteten wir einen zweiten Versuch bei den Helmcken Falls. Siehe da: sie waren da! Nette Wasserfälle, die weit von oben in einen Canyon rauschen. Man betrachtet sie von oben an der Seite und diese Seite ist eingezäunt. Aber es gab auch noch eine Plattform, von der man einen sehr schönen Blick auf den Wasserfall hatte.

Unser weiteres Tagesgeschehen hatte sich positiv am Vortag geändert. Die Dame an der Rezeption – die einen sehr rauen, herzlichen Charme hat, was wohl an ihrer Stimme liegt – empfahl uns Richtung Clearwater Lake zu fahren. Ich meinte, das dürften wir nicht, weil die Wagen nicht für die Gravel Road zugelassen wären. Sie winkte ab und meinte, dass die Straße gut wäre und wenn man genug Abstand zu Vordermann ließe, wäre das überhaupt gar kein Problem. Ihr Wortes in Gottes Gehörgang, dachten wir uns gestern morgen und bogen auf die Straße ein.

Es ist ja nicht so, dass wir keine Erfahrung mit solchen Straßen hätten. In den USA sind wir solche Straßen schon gefahren und in Südafrika auch. Aber halt nicht mit einem Wohnmobil. Schon auf einer normalen Straße, hat man das Gefühl mit einem schlecht gepackten Umzugswagen voller Küchenuntensilien unterwegs zu sein. Aber ein Gravel Road ist das noch mal ein Ticken schärfer und man muss ich größte Mühe geben, den einzelnen Schlaglöchern auszuweichen.

Ray’s Farm war unser ersten Ziel. Da konnte man eine alte Siedlung betrachten, die in den Vierzigern von den Besitzern verlassen wurde und nun verwilderte. Es war noch was zu sehen, zumal es eingezäunt war, aber es war schon arg verwildert. Die Natur holt es sich nach und nach zurück. Es wurde extra betont, obwohl man das Phänomen auch in der natürlichen kanadischen Umgebung betrachten konnte. Es gab genügend Grundstücke und Häuser, die von ihren Besitzern verlassen wurden und so aussahen, wie das Gebäude. An der Stelle gab es auch eine Quelle, aus der Wasser still vor sich hinblubberte, versetzt mit einer Reihe von Mineralien.

Gefolgt wurde das von unserer ersten mittelgroßen Krise im Urlaub. Wir marschierten weiter auf einem Pfad, der uns schöne Ausblicke auf die Landschaft gab. Dann ging es in den Wald. Mit dem Augenblick setzte bei Susann ein Gretel‐Effekt ein und sie wollte nicht mehr weitergehen. Und bei mir setzte der sogenannte Dickkopf‐Effekt ein, der dafür sorgte, dass ich weitergehen wollte. Ich nahm an, es sei ein Rundweg. Während Susann hinter mir, über meine Unmöglichkeit schimpfte und über die Unvernunft, in die kanadische Wildnis zu gehen; meinte ich, dass es ja wohl keine richtige Wildnis sei, wenn man einen ausgelaufenen Pfad entlang ginge. In der Mitte die Frau Schwiegermama, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie noch wolle oder nicht.

Irgendwann sagte ich, jetzt sei es genug, wir drehen um – ich hatte die Nase voll. Verwunderung bei den Damen und die obligatorische Frage, ob ich sauer sei. Wie sie da jetzt drauf kamen, war mir schleierhaft. Aber es war gut erkannt.

Wir waren noch nicht lang umgekehrt, da kam uns ein Paar entgegen – volle Wandermontur -, man grüßte sich und Susann fragte, ob sie wüssten, ob das ein Rundweg sei. Ja, war die Antwort, und gar nicht so lang. »Na dann!« entschlossen sich die Damen, könne man das ja auch machen. Und wir kehrten wieder um. Wir auf und ab. Im Rücken nahm ich war, dass das Murren abgenommen, aber nicht verschwunden war. Berg auf hieß es dann zum Beispiel: »Na Hauptsache, Oliver ist glücklich.« Super! Wir liefen gar nicht so weit, da kamen Wander‐Kollegen zurück und meinten, so richtig rund würde der Weg nicht werden und das wäre ihnen nicht geheuer. Irgendwie würde es wohl gehen, sie seien sich aber nicht sicher, ob sie wirklich richtig wären. So kehrten wir auch wieder um.

Zurück am Parkplatz stellten wir zum einen fest, dass die zurückgelegte Strecke in eine Richtung gerade mal 1,4 Kilometer betrug. Durch die kanadische Wildnis, muss man natürlich sagen. Und ein wenig Zick‐Zack mit dem Hin‐ und Zurück. Aber so besonders weit war es nicht. Und: Wären wir noch ein Stück weiter gekommen, wären wir auch an die Biegung gekommen.

Zusätzliche Frustration erzeugte bei Susann übrigens, dass uns auf dem Rückweg ein Pärchen auf Fahrrädern entgegenkam. Und die schoben die Fahrräder nicht!

Da haben wir wieder dazugelernt. Wir werden den Wanderweg jetzt vorher immer abfotografieren, dann ist man unterwegs gefeit. Ach ja: Es war ein Rundweg.

Die nächste Station war Bailey’s Chute. Wir bekamen mit unserem RV keinen Parkplatz, weshalb wir die Station wieder verließen und uns weiter in Richtung Clearwater Lake aufmachen. Bailey’s Chute ist der Name von Stromschnellen des Clearwater River und Ende August/Anfang September kann man dort beobachten, wie Lachse versuchen, die Schnellen durch Springen zu überwinden. Wir sagten uns, dass wir auf dem Rückweg ja wieder vorbei kommen würden und es dann noch mal probieren könnten.

Der Clearwater Lake ist der Ursprung des Clearwater River und von diesem gibt es nicht viel zu besichtigen, außer, dass ich zum ersten Mal Leute mitten in einem See stehen sah, um zu Angeln. Und zwar genau an der Stelle, an der See zum Fluss wurde.

Wir machten dort kurz Pause, da es auch anfing zu regnen; die Damen tranken einen Kaffee und wir versuchten es erneut an Bailey’s Chute. Dort machten wir es uns das erste Mal zu nutze, mit einem mobilen Wohnraum unterwegs zu sein. Es regnete und regnete und regnete. Da es nicht von langer Dauer sein musste, wie uns unsere Rezeptionsdame am Morgen versichert hatte, beschlossen wir einen Mittagsschlaf zu machen. Ich legte mich hin und Susann tat es mir nach einiger Zeit nach. Frau Schwiegermama löste Sodoku und studierte die Reiseführer.

Nach einer Stunde gab es Sonnenschein und blauen Himmel, wir marschierten los und schauten uns an, wie die Lachse springen. Es mag sein, dass ich ein wenig naiv bin, aber ich hatte mir vorgestellt, dass man hunderte von Lachsen sieht, die versuchen gegen die Stromschnellen anzuspringen. Ist allerdings nicht so. Es springt mal einer. Dann muss man warten. Und noch mal warten. Haargenau in dem Augenblick, wo man den Fotoapparat oder die Videokamera in eine andere Richtung gehalten hat, springt auch der Lachs und man verflucht ihn und wünscht sich, er würde am Abend als Filet auf dem Teller liegen. Butter drüber, Zitronenstückchen ausgequetscht – der Gerechtigkeit wäre Genüge getan. Aber so kommt es natürlich nicht.

Das Schauspiel ist trotzdem beeindruckend und wir waren absolut happy, als wir am Abend an der Lodge eintrafen. Wir entschlossen uns, in dem hiesigen Restaurant essen zu gehen. Die Atmosphäre war urig, wir hatten den weiten Blick auf die Berge und das Essen war gut.