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Kapitulation, oder: Manchmal zu früh

Da gibt es das Frühstücksbuffet, Essen über den Tag, das merkwürdige Verhalten der Asiaten in Fahrstühlen, den Versuch einen Weg zu finden und die kleinen Schilder auf den S‐Bahn‐Bahnhöfen. Eine ganze Reihe von interessanten Themen wie ich finde…

Versuchen wir mal ganz vorn anzufangen: beim Frühstück. Ich stand gestern vor dem Buffet und versucht es zu erfassen: Nudeln, Reis, das ganze warm. Dazu eine Reihe von Speisen, die ich mein Lebtag noch nicht gesehen habe. Im Nachbarraum ein warmes Buffet mit japanischen Speisen, die ich um acht Uhr Morgens nicht einmal im Traume in Erwägung ziehen würde, und eine Küche, in der sich ein paar Einsatzkräfte um Eierspeisen kümmerten. Es gab eine klitzekleine, man mag fast sagen, versteckte, Ecke, in der ein wenig Toast und Baguette herumstand und gegenüber vier Schüsselchen, mit zwei verschiedenen Sorten Marmelade und einer Butter. Die vierte Schüssel weckte meine Neugierde, aber ich habe mich nicht dazu hinreißen lassen, auszuprobieren, was es war. Der Tag hatte schließlich erst begonnen. Vor ein paar Monaten hatte ich Geschichten über asiatischen Orangensaft gehört oder gelesen – ich weiß es nicht mehr – die Quintessenz war gewesen, dass in dem Saft wenig Orange enthalten wäre. Deshalb probierte ich zuerst den Apfelsaft, was keine gute Idee war, denn das schmeckte gar nicht natürlich. Vielleicht, ich weiß es nicht, sind ja asiatische Äpfel vom Geschmack her ganz anders, aber ich stieg dann doch auf O‐Saft um, der zwar nicht wie der zu Hause, schon gar nicht wie frisch gepresster schmeckte, aber einem eine gewisse Illusion ließ.

Meine Schulung fing um 9.30 Uhr an, es lief alles Bestens und wir kamen flott voran. Um kurz nach zehn Uhr kamen drei Damen und brachten Getränke, irgendetwas zum Essen und – wie würden wir sagen – Schönigkeiten. Sehr nett. Ich dachte, das wäre zum Lunch. Dafür waren sie ein wenig früh dran, aber ich kenne ja die Zeitplanung des Party‐Service für Schulungen nicht. Um kurz vor elf Uhr meinte ich, wir könnten eine kleine Pause machen – fünf Minuten oder so – das Wort »Pause« wurde umgehend verstanden, das mit den fünf Minuten ging wohl in der Freude über das Wort »Pause« unter. Die Kollegen stürzten sich auf das kleine Buffet und die Nudeln. Mir war es eigentlich zu früh, aber alle fragten mich, ob ich nicht was Essen wolle. Das tat ich dann. Man kann auch mal asiatische Nudeln um elf Uhr Vormittags essen, warum nicht? Ob das jetzt schon der Lunch wäre, fragte ich. Was für eine Idee! Nein, das wäre einfach so. Lunch wäre ja erst um ein Uhr. Richtig, wie konnte ich das vergessen.

Lunch war dann um eins – ich ließ ihn aus, ich konnte nicht schon wieder essen. Satt und zufrieden kamen meine Zöglinge wieder. Um kurz nach drei Uhr kamen die Party‐Service‐Damen wieder und tischten erneut auf dem Essenstisch auf. Kurz nach halb vier Uhr wurde ich daran erinnert, das jetzt Tea Time wäre. Es gab warmen, süßen Tee mit viel Milch – Teigteilchen mit einer scharfen Tomatenpaste gefüllt und eine Art Pfannkuchen. Wer mir erzählt, die Asiaten wären nur schlank, weil sie so wenig essen würden, der kann mir alles erzählen. Ich habe sie an meinem Tag im Großraumbüro beobachten können. Ein Mädel in meinem Blickfeld hatte eine große Kiste, die sie mit Essen bestückte. Ständig steckte irgendwas in ihrem Mund, oder sie bot etwas ihren Kolleginnen an oder bekam von ihnen was angeboten. Nebenbei wurde noch ein wenig genascht. Man hat es ihr nicht angesehen. Vielleicht kann man ja Kalorien wegbeten – dann sollte ich über den Glauben noch mal ernsthaft nachdenken…

Um sechs Uhr ließ ich den Griffel fallen und machte mich auf den Weg zum Hotel (ich wollte schon fast sagen, nach Hause). Ich dachte so, ich kann ja mal einen anderen Weg nehmen. Nach vierzig Minuten Spaziergang wusste ich: Es mochte einen anderen Weg geben, aber ich würde ihn nicht finden. Vielleicht wenn ich ein Auto hätte, weil dann hätte ich eine von den Brücken auf die andere Seite nehmen können, aber zu Fuß schienen die Brücken unerreichbar. Letztlich kam eine S‐Bahn‐Station und ich dachte mir: »Kapitulation! Ich probiere das halt jetzt mal aus.« Ich kam auf den Bahnsteig und die Bahn fuhr gerade ab. In aller Ruhe besorgte ich mir eine Fahrkarte für umgerechnet dreißig Cent und setzte mich. Die Anzeige versprach mir, dass der nächste Zug gleich kommen würde. Dann sprang die Anzeige um und ich begriff, dass ich gerade einen Zug verpasst hatte, weil dieser zu früh war. Dachte ich zumindest. Vielleicht war er auch zu spät. Denn der nächste kam gar nicht. So saß ich fast eine halbe Stunde bevor ein Zug kam. Ich saß nur so da und schwitzte. Konnte es sein, dass man vom Nichtstun im Freien mehr schwitzte, als wenn man sich bewegte. Ganz erstaunlich. Auf der Gegenseite kam ein Zug und ich registrierte, dass es dort Wagen gab, die nur für Frauen war. Auch mal eine Idee, allerdings nicht zu Ende gedacht: Ich konnte nicht erkennen, dass es auch Wagen nur für Männer gab.

Dann fuhr der Zug ein und mich traf der Schlag. Der Zug war voll und ich drängelte mich hinein und fing sofort an zu frieren. Das war kalt. Wer mich kennt, weiß, dass das schon was zu sagen hat. Ich habe den ganzen Tag unter der Klimaanlage gesessen und es hat mich nur leicht gefröstelt zum Ende des Tages. Aber als ich in diesen Zug stieg, fror ich erst einmal wie nichts. Die Station, an der ich hätte aussteigen sollen, verpasste ich erst einmal. Ich habe dann in der nächsten Station geschaut, wo denn die Schilder für die Bahnhöfe sind, und irgendwann fand ich mal ein Schild auf dem groß Stand, auf welchem Bahnsteig man sich befindet und in kleiner Schrift, auf welchen Bahnhof. Aber dieses Versehen sollte sich als Glück herausstellten, denn der nächste Bahnhof war fast leer und dort stieg ich dann kurze Zeit später in einen Zug, in dem ich gut Platz fand. Für die, die es interessiert: Der erste Zug war nicht nur kühl, sondern auch sauber. Nicht der letzte Schrei. Dafür aber der zweite Zug, sehr modern und ebenfalls sauber. Da könnte so manche S‐Bahn in Deutschland sich eine Scheibe abschneiden. Menschen über 1,90 Meter dürften allerdings eine gewisse Beklommenheit verspüren, denn besonders hoch waren weder die Wagen des ersten noch des zweiten Zuges. Es ist schon witzig mit knapp über 1,80 Meter den kompletten Wagon überblicken zu können – nie fühlte ich mich größer.

Nach diesem Abenteuer im öffentlichen Nahverkehr zog es mich fix in das Einkaufszentrum und nahm beim Thailänder‐Stand ein Grünes Curry mit Hühnchen zu mir. Die Welt war vollständig in Ordnung durch eine Portion gemischtes Pistazien‐Mandel‐Eis. Das Eis, zweieinhalb Kugeln, war teurer als mein Curry. Sollte mir das zu denken geben, wenn der Nachtisch teurer ist als die Hauptspeise. Es ist schon ein gewisser Luxus…

Samt Eis stieg ich in den Fahrstuhl zu meinem Zimmer und konnte ein weiteres Mal beobachten, dass meine mitfahrenden asiatischen Fahrstuhl genossen, sofort an den Knöpfen für »Sofort zu« herumdrückten. Dies ist insofern befremdlich, da die Fahrstühle zumindest hier in Kuala Lumpur nicht auf Stillstand ausgelegt sind. Sie gehen auf, halten gefühlt wenige Millisekunden inne, so dass man kurz reinspringen kann und gehen dann zu. Es ist schon eine Kunst, dann noch auf einen Tür‐zu‐Knopf drücken zu können und eine Reaktion zu erwarten. Das sind keine deprimierten Türen á la Douglas Adams, die sind hochmotiviert. Hält ein Fahrstuhl einer Etage, wird auch sofort der Tür‐auf‐Knopf gedrückt, solang bis alle draußen sind. Ist noch jemand im Fahrstuhl, drückt der nach einem kurzen – Bruchteile von Sekunden dauernden – Blick, ob noch jemand kommt, wieder den Knopf zum Schließen. Ältere Leute haben es da nicht leicht, wenn sie nicht gerade vor dem richtigen der fünf Fahrstühle stehen.

2011-10-11T14:54:45+00:0011. Oktober 2011|Categories: Malaysia 2011, Unterwegs|Tags: , |Kommentare deaktiviert für Kapitulation, oder: Manchmal zu früh