Manchmal geht es zu früh, manchmal zu spät. Rom, im letzten Jahr, da waren wir recht spät an und kamen gerade noch rechtzeitig zum Abendbrot. In Lissabon waren wir zum Frühstück. Das will schon was heißen.

In erster Linie heißt es mal ganz früh aufstehen. Um vier Uhr sind wir abgeholt worden und wenn das nicht früh ist, dann weiß ich auch nicht. Das Flugzeug ging um sechs Uhr und das Wetter zur Abfahrt war bei uns recht durchwachsen. So wie der Sommer halt gewesen ist. Es fiel uns nicht schwer, uns auf die Sonne in Lissabon zu freuen, auch wenn es ein wenig wärmer werden sollte.

Die Sonne im Herzen, die hatte das Kabinenpersonal der TAP‐Mannschaft nicht. In dem nicht ausgebuchten Flugzeug hatte man den Eindruck, dass so richtig Lust nicht bestand. Verallgemeinern darf man das nicht, denn auf dem Rückflug sollten wir mehr Glück haben. Dafür gab es da Passagiere, die wirklich nervig waren. Wer wirklich Lust bei der Arbeit hatte, zumindest hatte man den Eindruck, waren die Leute gewesen, die die Sicherheitsvideos erstellt hatten. Selten habe ich mich so amüsiert, wie bei den Instruktionen. Ich würde nicht soweit gehen zu sagen, dass man unbedingt mit TAP nach Lissabon fliegen sollte, um einmal das Video zu sehen, aber in Erwägung ziehen könnte man es schon.

Eine große Frage war, wie kommen wir vom Flughafen Lissabon in Richtung Innenstadt. Irgendwoher hatten wir die Information, dass es so teuer nicht sein sollte und nachdem wir die Alternativen (Taxi‐Voucher u.ä.) noch am Flughafen verworfen hatten, quetschten wir uns ein Taxi und fuhren in Richtung Hotel, wohl wissend, dass wir nie und nimmer unsere Zimmer beziehen könnten. Schließlich kamen wir schon gegen halb zehn Uhr dort an. Der Taxifahrer war nett, fuhr wie ein Besengter durch die Stadt und etwa bei sechs Euro ging das Taxameter aus. Ob einfach so oder durch gezielte, wenn auch geheime Handgriffe des Taxifahrers war von hinten nicht auszumachen: Wir waren mit dem Überleben beschäftigt.

So genau kannte er unser Hotel nicht und fuhr erst einmal ein paar Häuser zu weit. Aber er kümmerter sich und der schließlich genannten Preis haute uns nicht aus den Socken und für seine Freundlichkeit gab es noch ein üppiges Trinkgeld: Wo erlebt man es noch, dass der Taxifahrer die Koffer zum Hotel trägt.

Wir brauchten die Taschen und Koffer in einem kleinen Raum unter, wie das so üblich ist, und machten uns auf einen ersten Inspektionsgang. Susann hatte zwar schon ein wenig Kaffee konsumiert, aber es war wohl die Zeit des “Vierten Kaffeetrink‐Rituals” und da musste für Abhilfe geschaffen werden. Das Hotel, das sahen wir schon, war o.k. – nur die Umgebung, da konnten einem Zweifel kommen. Diese verflüchtigten sich alsbald, denn man sah, dass das in Lissabon überall so aussah: Verfallene Häuser, ein wenig ungepflegt. Im Laufe der Zeit fanden wir es sogar reizvoll, insbesondere auch, wenn man die Improvisationskünste der Portugiesen dazu nahm.

Ach ja, die Portugiesen. Wir wollen gleich mal eine Loblieb auf sie singen und zwar keinen Fado. Hilfsbereit, auf die Menschen zugehend, so haben wir sie gleich am ersten Tag kennengelernt. Ein kleines Hindernis war die Sprachbarriere, aber mit Händen und Füßen und Brocken von anderen Sprachen konnte man sich überall verständigen – im Hotel ging natürlich Englisch prächtig. Mein Portugiesisch ist mit der Zeit nicht wirklich besser geworden.

In der Prachtmeile von Lissabon, also dem, was einer solchen am ehesten nahe kommt (ein Franzose würde vermutlich laut auflachen und ein waschechter Berliner in Erinnerung an seinen Kurfürstendamm (und jetzt die Friedrichstraße) auch), aber auf dieser Flaniermeile fanden wir einen Nahrungsspender, der das Frühstück aus dem Flugzeug gut ergänzte. Leckere Teilchen waren in dem Schaufenster zu sehen und die Damen erbeuteten die Nahrung für uns durch Zeigen ins Schaufenster. Es war nicht viel, aber wirklich sehr, sehr lecker und energiereich.

Das diese Nahrungsergänzung eine goldrichtige Investition gewesen war, sollte sich kurz darauf herausstellen. Wir hatten uns auf dem Weg zum Fluss gemacht und von dort wollten wir noch einen kleinen Spaziergang machen, bis die dritte Partei der Eisbande auftauchen sollte. Wären wir in der freien Natur gewesen, hätte man von Stock und Stein gesprochen, aber Berg und Tal trifft es auch recht gut. Ich gestehe, dass ich gänzlich unvorbereitet in diesen Urlaub gepflogen bin, den festen Vorsatz hatte, mich überraschen zu lassen. Lissabon liegt auf Hügeln und in Tälern. Die Stadtbewohner haben das Problem durch diverse Zahnrad‐Bahnen, Fahrstühle und Straßenbahnen elegant gelöst – die wir aber noch nicht nutzen konnte, da noch keine Konferenz über den gewählten Nahverkehrs‐Tarif für die nächsten Tage getroffen wurde. So ging es bergauf, bergab – immer in der Hoffnung, den Berg zu umgehen. Ein Vorhaben, das misslang. So waren wir schon am Mittag so geschafft, dass wir uns auf eine kleine Siesta freuten.

Warm war es, in etwa so warm, wie es bei uns im Sommer auch sein sollte. Also nicht heiß, angenehm. Aber halt so warm, dass man bei einem ordentlichen Spaziergang sich auch eine Erfrischung wünscht. Dabei wird nicht von Eis gesprochen, sondern von Wasser. Es trieb uns in einen solchen Laden und wir versorgten uns mit Eis. Wir waren mitten in der Stadt und brauchten Wasser. Die Überraschung war den Portugiesen gelungen, denn für eine kalte Flasche Wasser, fünfzig Cent bezahlen zu müssen, ließ uns fast aus den Latschen kippen.

Auf dem Weg zum Hotel hatten wir schon Martina und Rainer – die dritte Partei – getroffen, und da man nicht hungrig in die Siesta fallen soll, ging es an Geschäften mit leckeren Auslagen vorbei zu ein Restaurant, in dem wir uns was einverlaibten. (Der Eindruck, dass ich nur von Essen rede, trügt natürlich ein wenig, da ich die vielen schöne Momente dazwischen, leicht gekürzt widergebe.)

Nach der Siesta hatte es sich Susann noch im Hotelzimmer bequem gemacht und wollte ein Firmenmeeting mitmachen. Der Rest der Bande machte sich auf den Weg, die Stadt zu erobern. Wir stromerten noch einmal zum Fluss, schlenderten durch das Viertel Alfama und landeten auf dem Platz vor dem Fado‐Museum. Von dort aus, sollte es zu einem fanastischen Aussichtspunkt gehen (bergauf versteht sich) und dort sollte auch der Treffpunkt mit Susann ausgemacht werden. Dank modernster Technik konnte der Weg einigermaßen exakt beschrieben werden, wie Susann dort hinkommen konnte – wir hatten es ein wenig schwerer, den Ort zu finden. (Hilfreich war dabei ein iPhone auf der einen Seite mit einer OpenStreet‐Map‐App, und ein iPhone auf der anderen Seite, welches gleichartig ausgerüstet war.)

Nach diesen Spaziergängen beschlich und das Gefühl, wir müssten bald mal was essen. Abendbrot! Die Portugiesen essen aber ein wenig später und so war um sechs Uhr – die übliche Abendbrotzeit – natürlich noch nichts zu haben. Aber wir waren natürlich in der Angelegenheit kompromissbereit und hatten uns ein Restaurant in der der Alfama‐Gegend ausgesucht. So richtig fanden wir es nicht und falls wir es gefunden haben, so hatte es nicht auf. Wir saßen auf einem Platz vor einer Kirche und beäugten argwöhnisch den Eingang, aber niemand kam. Dafür sahen wir Kinder, die sich in Buggies setzen, anschnallten, und einen Abhang, der ein wenig Steil war, kopfsteinpflasterlastig war und Stufen beinhaltet, bespielten. Es sah so gefährlich aus wie es war, aber die Kinder überlebten es – keine Frage hätte sonst dieser Absatz auch an erster Stelle gestanden unter dem Motto: »Wie uns ein paar Bälger den Urlaubt versauten.«

Ein anderes Restaurant fand sich gleich um die Ecke und man wollte uns nicht so recht Einlass gewähren, mit der Begründung, Fado wäre erst später. Nun ja, Fado war uns recht egal, es ging viel mehr ums Essen. Eine sehr deutsche Einstellung, wie sich der Kellner sicher dachte, uns hätte es aber mit Traurigkeit erfüllt, wenn wir unsere Mägen hätten nicht langsam füllen dürfen. Die Sandwiches aus der Mittagszeit waren schon lang verdaut und die Berge von Lissabon (aus norddeutscher Sicht, die eine hungrige zudem war, eindeutig Berge) hatten ihr übriges zur Appetit‐ und Hunger‐Situation beigetragen.

Aber man ließ uns letztlich doch ein und servierte uns schon ein wenig Essen. Es war auch die einmalige Gelegenheit für mich, ein Bierglas umzustürzen, wie ich es ja immer mal wieder gern im Eifer des Gefechts mache. In Paris tat ich es, Rom ist mir nicht in Erinnerung, aber in Lissabon war es wieder soweit. Während wir aßen, kam ein Fado‐Sänger. Dann kame eine Sängerin – die hatte zwischenzeitlich auch bedient, dann kam ein anderer Fado‐Sänger. Nun ist Fado nicht gerade etwas, was die Stimmung hebt. Schon gar nicht, wenn man eher müde ist und um vier Uhr Morgens aufgestanden ist. Der letzte Fado‐Sänger tat sich mit dem ersten Fado‐Sänger noch zu einem Duett zusammen. Das war schon irgendwie schön anzuhören, aber für unseren Geschmack hätte es ruhig ein wenig mehr Pepp haben können. Mir ist klar, dass es damit kein Fado mehr gewesen wäre. Ja, aber es hätte uns wach gehalten.

Wir wollten gehen und das wurde uns verweht. Bleiben mussten wir, weil der Chef auch noch singen wollte. Chef war in diesem Fall eine Chefin, die sich herzlich bei uns bedankte, dass wir so zahlreich erschienen war. Das waren wir in der Tat und während der Vorstellung der Dame kam weder jemand rein, noch durfte jemand raus. Nachdem sie gesungen hatte – länger als die Anderen – also mehr Nummern und diese auch in Maxi‐Versionen, gab es auch noch eine Zugabe von den Instrumentalisten.

Das Restaurant wurde von satten, aber sehr müden Deutschen verlassen, die nur noch eines im Sinn hatten: Ins Bett!