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Simon Beckett – »Die Chemie des Todes«

Die unauffälligsten Bücher fallen einem manchmal als erstes ins Auge. Mein Auge geht an den Büchern vorbei, auf denen opulente Gemälde zu finden sind, rauhe Landschaften, verfallene Häuser und Schönheiten, die man langläufig als Südstaaten‐Schönheiten bezeichnet werden. Ist ein solches Motiv dann noch mit roter Farbe kombiniert, die einem anschreit, dann schreit mein Gehirn nur noch »Augenkrebs!« und schaltet ab. Kommt jemand mit einem Buchumschlag, der wie eine Traueranzeige mit einem fetten Rahmen versehen ist und dann nur Autor, Titel und Verlag nennt, wird schlagartig mein Interesse geweckt.

Diese Gestaltung und der Satz vom Buchrücken ließen das Buch unwiderstehlich für mich werden:

Aus den gelegten Eiern schlüpfen Larven, die sich an der nährreichen Substanz laben und dann abwandern. Sie verlassen die Leiche in Reih und Glied und folgen einander in einer ordentlichen Linie, die sich immer nach Süden bewegt. Manchmal auch nach Südosten oder Südwesten, aber niemals nach Norden. Niemand weiß, warum.

Gekauft, eingepackt und was aussah wie ein Thriller nach Art von Kathy Reich entwickelte sich zu etwas viel Komplexeren. Wenn ich es einsortieren müsste, was ich tue, aber natürlich nur ungern, dann würde ich sagen Simon Beckett hat ein Buch abgeliefert, dass wie eine Mischung aus Kathy Reich, die ja schon erwähnt wurde, P.D. James und Mo Haider anmutet. Warum die drei? David Hunter ist ein erfolgreicher Gerichtsmediziner. Gewesen. Er hatte sich nach dem Tod seiner Frau abgewandt von der Verwaltung des Todes, in einem kleinen Dorf niedergelassen und praktizierte als Allgemein‐Mediziner. Was die Bevölkerung nicht wusste, was Hunter auch nicht dem Arzt erzählte, für den er vertretungsweise eingesprungen war, dass er die Kapazität auf dem Gebiet in England war. Keiner hatte verstanden, warum sich der Star zurückzog. Jeder hatte von ihm erwartet, dass er sich zusammen riss und seine Karriere trotz des privaten Rückschlags fortsetze.

Menschen sind aber nicht so gestrickt. In dem kleinen Dorf findet Hunter seine Ruhe, er schließt Bekanntschaften. Freundschaft war ein großes Wort in der Gemeinschaft. Keiner kam auf die Idee, jemanden der noch keine zwanzig Jahre vor Ort war, als Einheimischen anzusehen. Darüber vielleicht, aber nur, wenn man ganz viel Glück hatte. Aber diese Gemeinschaft gefiel Hunter und er musste ansehen, wie sie zerfiel. Alles zerbröselte in dem Augenblick, als zwei jungen aus dem Ort, eine tote Frau fanden, die nicht eines natürlichen Mordes gestorben war.

Hunter, der die Frau untersuchte, hatte eine Ahnung, wer es sein konnte. Die Polizei hatte auch bald eine Ahnung, wer die Tote war. Sie war aber auch schnell mit Verdächtigungen, was den Täter anging. Sie kamen auf David Hunter. Er war alleinstehend, er war neu in der Gegend und er kannte die Frau, die wie er eine Fremde in der Gegend war. Sie hatten eine freundschaftliche Beziehung. Man hatte sie zusammen gesehen.

Die Polizei hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg und das wenige, was Hunter zwischen dem Leichenfund und dem Eintreffen der Polizei getan hatte, war auch nicht gerade hilfreich gewesen. Der Arzt sah keine andere Möglichkeit, als sich dem Inspektor gegenüber zu offenbaren: Wenn schon der Täter wegfiel, dachte der sich, ist es doch eine helle Freude, wenn man einen kompetenten Gerichtsmediziner bei der Hand hat.

Hui, denkt man sich, das geht aber rasant. Wir haben als ein typisch englisches Dorf und Beckett pflegt einen überschaubaren Personenkreis, mit dem man sich als Leser auseinanderzusetzen hat (siehe P.D. James). Das Opfer ist brutal zugerichtet und nun ja, ich will es nicht verheimlichen, es bleibt nicht das einzige Opfer (womit wir Mo Hayder hätten) und der Held der Geschichte beschäftigt sich mit Kriminal‐Forensik (da wäre Kathy Reich).

Das ganze wirkt nicht wie ein Abklatsch von irgendwas, sondern Beckett hat einen eigenen Stil. Natürlich bedient er sich der üblichen Zutaten: massenhafte Konflikte unter den Dorfbewohnern, Heimlichtuerei, Liebschaften und Eifersucht. Aber es kommen auch nicht ganz allzuhäufige Komponenten dazu wie Wilderei und ein Pfarrer, der hetzt. Liebhaber englischer Krimis können bei diesem Buch nichts falsch machen. Sieht man davon ab, dass manche Schilderung nicht sehr appetitlich ist (ein Grund, das Buch nicht anzufassen). Für Fans von Thrillern, die sich mit Gerichtsmedizin auseinandersetzen, ist es eine Möglichkeit über das doch sehr amerikanische Metier in ein anderes Land zu schauen.

2006-05-12T19:01:00+00:0012. Mai 2006|Categories: Dies und Das|Kommentare deaktiviert für Simon Beckett – »Die Chemie des Todes«