Tabor Süden lag bei mir lange auf dem Stapel. Vielleicht hatte ich mich ein wenig überlesen. Kommt manchmal vor, geht mir auch mit Maigrets hin und wieder so. Da kann ich einfach nichts machen, aber irgendwann kommt dann wieder so ein Schub. Ja, immer wieder kommt er mit seinen Maigrets!, mag sich der eine oder andere denken, aber ich finde die Maigrets mit den Südens ganz gut vergleichbar. Sie haben immer eine überschaubare Größe, lassen sich also an einem Abend weglesen. Sie lesen sich leicht und unkompliziert, wie Simenon pflegt Friedrich Ani eine einfache und ungeschnörkelte Sprache (was wirklich als Kompliment gemeint ist). Es gibt aber auch Unterschiede: Simenons Geschichten sind immer linear. Sie werden von Anfang an (ein Ereignis) bis zum Ende (meistens ein Drama) erzählt.

Das macht Ani manchmal ein wenig anders, zum Beispiel in diesem Roman, in dem man anfangs mit einer Szene konfrontiert ist, in der Tabor Süden gegenüber einem Staatsanwalt aufgefordert wird, zu schildern, wie es den gekommen ist, dass er einen Verdächtigen vom Stuhl schleuderte, um sich dann anschließend auf einen Kollegen (und Freund) zu stürzen, und diesen zu schlagen, bis er blutend liegenbleibt. Das Alles, um es noch schlimmer zu machen, vor den Augen des Anwaltes des Verdächtigen. Die Antwort, auf die Frage, warum er es denn getan hat, ist für den Staatsanwalt nicht sehr befriedigend: »Weil es es verdient hatte.«

Erst dann wird man mit der Geschichte, die dazu führte bekannt gemacht, und weiß von Anfang an, dass das Ende kein gutes sein kann.

Nastassja Kolb aus München ist sechs Jahre alt, Sie spricht deutsch, hat braune Augen und ist von schlanker Figur. Die Mutter meldet, dass das Kind verschwunden ist. Sie wüsste nicht, wo das Mädchen hin verschwunden wäre, es hätte keine typischen Verstecke. Der Bruder Fabian kann nicht viel zu seiner verschwundenen Schwester sagen, oder er will nicht. Er lässt das Gespräch über sich ergehen, und verschwindet dann in seinem Zimmer, dreht die Musik laut auf und ist nicht mehr bereit, zu kommunizieren. So ein Verhalten und solche minimalen Auskünfte machen die Arbeit für Kriminalisten wie den Hauptkommissar Tabor Süden nicht gerade leicht. Sie haben das Gefühl, der Brüder verschweigt, was er weiß, während die Mutter einfach nur lügt.

Der getrennt lebende Vater ist nicht aufzutreiben, und als sie endlich einen Kollegen ans Telefon bekommen, gibt der Auskünfte, die nicht gerade ein günstiges Licht auf den Vater werfen. Er hätte an dem allfreitaglichen Treffen mit der Begründung, er würde mit seiner Tochter ins Schwimmbad fahren, nicht teilgenommen. Da war also noch jemand, der Nastassja gesehen hat.

Als Tabor Süden den Vater endlich trifft, ist er von Anfang an gegen ihn eingenommen. Der Mann ist nicht kooperativ und weigert sich, die simpelsten Auskünfte zu geben. Bis Süden endlich der Kragen platzt und er dem verblüfften Vater mitteilt, er wäre jetzt ein Verdächtiger und er würde ihn mit aufs Revier nehmen, um ihn weiter zu verhören. Aber auch da kommen die Kriminalisten nicht weiter, denn der Mann weigert sich zu reden und begründet dies damit, dass er nur mit seinem Anwalt reden würde. Der allerdings nicht anwesend war, sich aber eilte, aus dem Urlaub zurückzukehren. Bis dahin lastete ein enormer Druck auf der Gruppe um Süden, die das kleine Mädchen finden wollte.

Schließlich kommt ein entscheidener Hinweis, da jedoch bricht in der Gruppe etwas auseinander und die Ermittlungen scheinen aufgrund persönlicher Differenzen zu stocken.

Ich habe oben gesagt, man kann einen Süden‐Roman an einem Abend lesen, und das habe ich mit diesem zum Beispiel getan. Er erfüllt alle Kriterien, die einen guten Kriminal‐Roman ausmachen: Er ist spannend aufgebaut und gut geschrieben. So, wie man es von Tabor‐Süden‐Romanen gewöhnt ist.