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Postkarten‐Wetter‐Staus

Sie werden uns schon vermissen, die heute beim National Trust. Zwei Tage hintereinander haben wir uns nicht blicken lassen. Das wird sich heute wieder ändern, dann können sie die Vermissten‐Anzeigen wieder zurückziehen. Vor dem Fenster fliegen die Schwalben tief und machen gehörigen Krach. Es regnet vor sich hin, dass wir unsere Pläne später überarbeiten werden – zuerst in die Stadt Stratford‐upon‐Avon oder doch erst zu einem Herrenhaus. Wir schauen uns das Wetter um zehn Uhr an.

Schöner wäre es natürlich, das Wetter wäre wie gestern. Da hatten wir einen Postkarten‐Himmel, saßen aber einen großen Teil des Tages im Auto. Man kann es auch als kapitalen Fehler in der Reiseplanung bezeichnen, dass wir an einem Freitag von Cornwall in die Midlands gefahren sind. Es war ja nicht zu erwarten, dass es auch in England Pendler gibt, die sich am Freitag auf den Heimweg machen. Dieser Fehler wird uns nicht noch einmal passieren, denn über weite Strecken lief der Verkehr nur sehr verhalten.

Eigentlich ging es schon am Morgen los, als wir den schönen Part von der Küste zur A38 hinter uns gelassen hatten. Der Stau begann an einer Stelle, an der man noch die Möglichkeit hatten, umzukehren. Spontan entschieden wir uns, den Umkehrern zu folgen und ließen das Navi eine Alternative ausrechnen. Wir wollten durch das Dartmoor in Richtung Norden fahren. Dieser Umweg kostete nicht viel mehr Zeit, brachte uns einige fantastische Aussichtspunkte, zwei ordentliche Schrecken und sparte uns wohl die Maut‐Gebühr in Plymouth über die Brücke.

Zuerst war da die Brücke über einen kleinen Fluss. Der lauschig gelegen. Die Engländer lieben ihre Brücken und fänden es eine Schande, diese jetzt durch zweispurige, moderne Konstrukte zu ersetzen. Direkt hinter einer solchen Brücke, die auch noch im Nirgendwo war, gab es einen Parkplatz und dieser Parkplatz besaß auch noch einen Briefkasten. Was es nicht alles gibt, sagt man sich da.

Wir fuhren weiterhin durch die grünen Tunnel, anders kann man die Straßen wirklich nicht nennen, da eröffnete sich rechter Hand plötzlich die gesamte Landschaft und man hatte einen schönen Überblick. Da wir mit Spontanität an diesem Tag schon gute Erfahrung gemacht hatten, wurde der nächste Parkplatz als Wendemöglichkeit genutzt und wir kehrten um. Der gewünschte Halteplatz sah sicher aus und ich fuhr raus. Ulf rief noch »Hier nicht!« oder so ähnlich, aber da ich nichts sah, fuhr ich weiter. Dann machte es »Bumps« und an der Unterkante schabte es. Da war wohl ein Schlagloch gewesen. Statt des Ausblicks prüften wir erst einmal das Auto, ob es irgendwelche Schäden hat. Aber das sah ganz gut aus. Eigentlich sah der Parkplatz ganz gut aus, aber es hatte an einer Stelle ein richtiges Schlagloch. Ulf meinte trocken: »Wir fahren halt auf der falschen Seite…«

Nun konnten wir zu dem Ausblick kommen. Aber wir wurden leicht abgelenkt. Denn unmittelbar vor uns, fiel der Boden ab und hinter der obligatorischen Hecke des Feldes, über die war aber gut schauen konnten, lag ein BMW auf der Seite. Da bleibt einem das Herz stehen. »Der liegt schon länger da!« meinte Ulf und das wollten wir auch hoffen. Ich versuchte durch das Gatter zu dem Wagen zu kommen, aber das Gatter ging zum Nachbarfeld und die beiden Felder wurden – Überraschung! – durch eine hohe Hecke getrennt. Man konnte durch einen schmalen Pfad nach unten zum Feld klettern, aber zum einen war die Fragen, wie man dann wieder hoch kommt und zum anderen gab es als zusätzliche Schikane noch Stacheldraht.

Aber kurze Zeit später hielt ein anderer Wagen und ein Mann sprang aus diesem und kam eilig auf uns zu. Mein erster Gedanke war, dass er von diesem Unfall erfahren hatte und auch helfen wollte, aber er hatte uns gesehen, wie wir angestrengt nach unten starrten und vermutete, dass wir ein Problem hätten. Er sprang sogleich herunter und gab kurz darauf Entwarnung: Es war niemand mehr in dem Wagen. Wir halfen ihm wieder herauf und er fuhr seines Weges. Wir nutzten die Gelegenheit und machten noch ein paar Aufnahmen von dem schönen Örtchen auf.

Dann fuhren wir nach Tavistock ein und hektisches Blättern im Reiseführer begann. Was war das für ein Ort, der sich selbst als »Heritage« pries? Wer hatte ihm den Titel gegeben. Der Reiseführer gab erstaunlich wenig her und auch die sonst sehr geschätzte Wikipedia gibt kaum etwas über den Ort her. Beim Durchfahren durch den Ort empfanden wir das Ambiente aber als recht reizvoll. Das wiederum kann man von Princetown, der nächsten Ortschaft, die wir erreichten, nicht sagen, aber dazu ein wenig später.

Erst einmal fuhren wir aus Tavistock heraus und es waren nur wenige Meile bis wir den Nationalpark erreichten. Es wurde ein Schild aufgestellt, nach dem Motto »Hier beginnt der Nationalpark ›Dartmoor‹ « und in der Tag, dahinter begann unmittelbar eine andere Landschaft. Einfach faszinierend. Schafe standen am Wegesrand, die Hecken verschwanden. Es war ein wenig wie im Lake District.

Unsere Erwartungen an das  »Dartmoor« waren komplett andere. Irgendwie flach, wenig Vegetation, sumpfig. Darüber ein klebriger Nebel, der einen einhüllen wollte. Natürlich ohne die aus der Ferne leuchtenden Augen, die ein wenig irre aussahen. Das wäre dann zu viel des Guten gewesen.

Dartmoor empfing uns mit grünen Hügeln, auf denen Schafe und Rinder standen. Hin und wieder auch ein Pferd. Auf diesen Hügeln lagen irgendwelche Felsen rum. Je tiefer man ins Dartmoor reinfuhr, desto grüner wurde es – es gab kleine Täler, durch die Flüsse verliefen (in denen die Leute badeten), andere Täler, die komplett bewaldet waren. Die Landschaft kann man einem Tag, wie wir ihn hatten, ohne Zweifel als reizvoll bezeichnen.

Selbst aus dem Dartmoor‐Gefängnis sollte man einen ganz schönen Ausblick haben, wenn man in einer Zelle der oberen Etagen saß. Das Gefängnis liegt in Princetown. Man fährt in den Ort hinein und sieht auf der rechten Seite ein Gefängnismuseum. Das linker Hand das Gefängnis »in echt« ist, haben wir erst auf der Karte in der Ortsmitte gesehen. Dort hielten wir, um uns ein wenig zu informieren. Außerdem war es Zeit für einen kleine Snack und den nahmen wir im The Plume of Feathers ein. Wir waren erst ein wenig skeptisch und die Damen kamen an den Tisch zurück, nachdem sie die Bestellung aufgegeben hatten, und waren fertig, weil die Bedienung ihnen am Tresen Löcher in den Bauch gefragt hatten. Als ich später noch einmal zwei Getränke orderte, war ich entsprechend präpariert und meinte, alles abgefragt zu haben.

»Ich hätte gern einen Früchte‐Tee mit Zucker ohne Milch.«

Das sollte sich als die leichtere Übung herausstellen.

»Und einen Americano ohne Zucker und mit Milch.«

Geschafft!

»Warme oder kalte Milch?«

Als Nicht‐Kaffee‐Trinker war ich mit der Frage ein wenig überfordert. Man trinkt üblicherweise seinen Kaffee warm, aber meine Oma hatte sich immer Milch an den Kaffee gemacht, um ihn nicht so heiß trinken zu müssen. Also ist es durchaus üblich, seinen Kaffee mit kalter Milch zu bestellen. Andererseits ist Ulf nicht meine Oma. Da das Verhalten meiner Oma aber ohne Fehl und Tadel war (außer vielleicht in der einen Situation, wo sie die Wohnung meiner Eltern betrat und sich ein wenig über den Zigarettenrauch echauffierte, wobei ich innerlich ein wenig Beifall klatschte, die Wortwahl aber ein wenig drastisch gewesen war: »Das riecht hier ja wie im Puff«, meinte sie. Meine Mutter wäre fast an die Decke gegangen und ich weiß nicht, ob sie es war oder meine ebenfalls nicht auf den Mund gefallene Tante, die erwiderte: »Mama! Woher willst Du denn wissen, wie es im Puff riecht!«), entschied ich mich für kalte Milch und ich glaube, es war die richtige Wahl für Ulf.

Princetown kann man, außer man hat ein Faible für Gefängnisse, links liegen lassen. Die Beste aller Ehefrauen meinte zwar, dass man ja mal das Gefängnis besuchen könne, aber als wir ihr sagten, dass dieses immer noch bis zu 600 Gefangene beherberge, nahm sie schnell Abstand davon. Aber Susann war gestern sehr gut drauf. Das ging damit los, dass sie am Frühstückstisch schon über glutenfreie Lebensmittel philosophierte und meinte, eine Ursache, dass das jetzt zum Tragen komme, würde an »Einwegbrötchen« liegen, die wir in der letzten Zeit immer essen würde.

»Einwegbrötchen?« fragte Ulf.

»Ja, Einwegbrötchen.«

Die Diskussion ging schnell in die Richtung, wie man sich Mehrwegbrötchen genau vorstellen müsse, womit Susann aufging, dass sie eigentlich von Aufbackbrötchen sprechen wollte, was natürlich etwas ganz anderes war.

Später meinten Ulf und ich erkannt zu haben, dass die Engländer mit den von ihn gebauten Kreisverkehren nicht wirklich zurecht kommen würden und das eine Ursache dafür wäre, dass es ständig Staus in der Umgebung von Städten gibt. Wir diskutierten lang und breit darüber, verließen dann aber wieder das Thema. Dann fuhren wir zwei Minuten später an einen Kreisverkehr, in dem es sich staute, und die Beste aller Ehefrauen tat kund:

»Ich finde das mit den Kreisverkehren toll. So hat man wenig Stau und der Verkehr fließt.«

»Ähhhhh«, kam es nur von vorn. Dann fingen wir an zu lachten.

»Ja, finde ich wirklich.«

Vielleicht hatte sie kurz vorher wieder genickt und nicht mitbekommen, dass wir uns darüber unterhalten hatten. Das kann durchaus sein. Man kann die Beste aller Ehefrauen einfach ins Auto setzen und losfahren. Kurze Zeit später schläft sie. Ist sie auf die Rücksitzbank verbannt, so meine ich, geht es sogar noch schneller. Aber irgendwann wacht sie auf, sagt etwas, was alles verblüfft und schläft wieder ein. Ist ein wenig, wie wenn man mit ihr Fernsehen schaut.

»Hier musst Du beim Abbiegen aber aufpassen«, hört man dann. Oder: »Die Frau hat aber ein schönes Kleid.« Oder »Mit dem Wetter haben wir aber Glück gehabt!« – egal ob man die halbe Stunde vorher bei strömenden Regen verbracht hat und sie halt beim Erwachen des Sonnenscheins wieder zu sich gekommen ist. Wenn sie das macht, finde ich das immer recht erfrischend, weil sie eine sehr konträre Betrachtungsweise ins Spiel bringt. Wobei ich natürlich zu den Kleidern von Frauen, ebenso wie zu Frisuren, selten eine Meinung habe, die von Belang ist.

Auf jeden Fall war das Essen entgegen aller Erwartungen, wirklich gut und der Pub kann als empfehlenswert genannt werden. Zum Rest des Ortes kann mal halt nur »naja« sagen. Das Visitor Center ist natürlich einen Aufenthalt wert, da geht es dann auch um den Hund von Baskerville. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass man bei schönen Wetter kurz hinter der Ausfahrt von Princetown in Richtung Two Bridges, einen sehr schönen Blick auf das Gefängnis hat. Zum einen, weil es über eine wunderschöne Landschaft geht, und zum anderen, weil man es von der richtigen Seite aus fotografieren darf.

Wir sind dann über viele Landstraßen auf der M5 Richtung Norden gelandet und fuhren so in die Midlands, wo wir gegen halb sieben Uhr eintrafen. Das Hotel ist modern mit wirklich riesigen Zimmern. Nicht nur für englische Verhältnisse, sondern ganz allgemein gesprochen. Die Bedienung im Hotel ist wirklich sehr nett und auch das Restaurant lässt sich gut aushalten. Wir aßen gut und nicht zu teuer.

Ganz sicher sind wir uns nicht, ob uns der Kellner nicht eventuell auf dem Arm genommen hat, als er Susanns Frage, wie man denn am Besten den Gin trinkt, antwortete, die Königin würde ihn immer mit Gurke nehmen. Die Beste aller Ehefrauen musste das natürlich ausprobieren und da Ulf  und Susann Trinkkumpanen waren (sie hatten auch schon zusammen einen Jägermeister), hieß es für Ulf, dass er da mitziehen musste. Meine Meinung zu Gurken ist keine sehr gute. Ich meine, dass man mit Sahne und Dill aus Gurken einen guten Salat bekommt und denke auch, dass bei heißem Wetter ein Gurken‐Gazpacho eine schöne Sache ist. Wahrscheinlich sind sie auch wirklich gut, um sie auf die Augen zu legen – aber in sonst und insbesondere in Alkohol möchte ich Salat‐Gurken nicht haben. Mit der Behauptung, dass Gin und Gurken keine gute Kombination sind, lehne ich mich wohl nicht zu weit aus den Fenster. Ulf sah auch nicht sehr glücklich damit aus.

Da war ich mit meinem zwölf Jahre alten Talisker besser dran.

2016-08-28T08:46:37+00:0027. August 2016|Categories: England, England 2016, Unterwegs|Tags: , , , , , , , , , |Kommentare deaktiviert für Postkarten‐Wetter‐Staus