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Halbmast

Vor etwa sechs Jahren betrat ich das erste Mal die Wohnung von Susann. Die Tür wurde schnell hinter mir zugezogen und abgeschlossen. Aha, dachte ich. Sehr vorsichtig, die Frau. Ein roter Blitz verschwand, ohne wieder gesehen zu werden. Eine weiß‐rote Bonsai‐Katze machte keine Anstalten, zu verschwinden, sondern lugte neugierig auf mich als Neuankömmling. Die beiden Miezen waren wohl der Grund, warum Susann ihre Wohnung von innen verschloss.

Die weiß‐rote Mieze namens Nala hatte einen ausgeprägten Hang zum schmusen. Ich brauchte nicht lang dazu, herauszufinden, wie man sie am Besten flachlegte. Ein wenig den Rücken kraulen und nach wenigen Sekunden lag Nala auf dem Rücken und streckte alle Viere von sich, befand sich im Super‐Schnurr‐Modus. Das konnte sie stundenlang, zwischendurch nahm sie ihre Pfoten zur Hilfe, um die Hand zu sich heranzuziehen, damit sie mit ihrem Kopf sich eine besondere Streicheleinheit abholen konnte.

Die coole Mieze konnte Veränderungen gut vertragen, schien sie sogar zu mögen. Sei es die Umquartierung zu Susanns Mutter während des Umzugs, der Umzug hier nach Borgdorf oder der Besuch bei meinen Eltern: Nala fand alles superspannend und inspizierte jeden Winkel. Besser war’s die Türen aufzulassen, denn wenn sie irgendwo reinwollte, fing sie allzugern an, zu kratzen. Da sie bei uns nicht ins Schlaf‐ und Arbeitszimmer durfte, hatte ich es mir angewöhnt, sie in Phasen unbändiger Neugierde auf den Arm zu nehmen, und ihr zu zeigen, dass in den Räumlichkeiten alles in bester Ordnung war. Helle Freude kam bei ihr auf, wenn sie sich mal unbemerkt in die Zimmer schleichen konnte.

Als reine Zimmermieze‐Katze angeschafft, war es nicht notwendig, die Katze sterilisieren zu lassen. So kam ich auch in den Genuss, eine rollige Katze zu erleben. Und ich finde, dass ist ein einmaliges Erlebnis. Ich glaube nicht, dass ich es häufiger durchgehalten hätte. Nichts war mit Kuscheln, am Liebsten hätte ich sie genommen, geknebelt, das Maul verklebt und in einen Sack gesteckt: Der Unterhaltungswert sinkt mit zunehmender Stunde rapide.

Da wir aufs Land zogen, wurde eine Sterilisation notwendig, womit es sich mit der Rolligkeit hatte. Die Operation und die frische Luft führten dazu, dass die Katze einen enormen Appetit entwickelte. Sie ging auf wie ein Ballon. Aber nachdem sie sich an die ungewohnte Freiheit gewöhnt hatte und sich auch ausgiebig bewegte, waren in den darauffolgenden Wintern das »Aufbläh«-Phänomen nicht mehr zu beobachten. Sie hatten ihren Fress‐Rhythmus an ihren Bewegungs‐Rhythmus angepasst. Sie ging gern mit uns runter zum See, allein kam sie allerdings nicht auf die Idee. Da hielt sie sich meist in der Nähe des Hauses auf. Draußen war es zwar schön, allerdings war die Natur unpraktisch eingerichtet: Allzu häufig war der Boden und der Rasen feucht, was Nala nicht ausstehen konnte. Wenn sie durch das Nase Gras lief, sah es aus, als würde sie schweben – ja nicht den feuchten Boden berühren. Man hatte das Gefühl, sie würde sich dabei noch die Füße abschütteln.

Ihr absoluter Lieblingsplatz war das Aquarium. Kurz nachdem es angeschafft wurde, hatte sie herausgefunden, dass diese schnurrende Etwas eine Anschaffung für sie war. Sie ging morgens rauf, wenn die Aquarium‐Beleuchtung anging, und verließ das Aquarium, wenn es abends wieder ausging. Dazwischen wurde das Aquarium nur verlassen, wenn es ums Futtern ging oder sie die Toilette heimsuchen musste. Hatte sie ihre soziale Ader konnte es passieren, dass sie es sich auf einem der Computer‐Monitore bequem machte. Ein anderer Grund, das Aquarium zu verlassen, war ein Besuch bei mir, wenn ich auf der Couch liege, so wie ich es jetzt tue, und schreibe. Sie kam, mischte sich zwischen mein Gesicht und den Laptop, machte es sich bequem und fing an zu schnurren. Stundenlang.

Nala hatte, seit dem wir hier her gezogen sind, immer mal wieder mit den verschiedensten Krankheiten zu kämpfen. Besonders schlimm wurde es im November, als sie anfing einen Schnupfen zu bekommen. Sie bekam ein heftiges Medikament, der die Situation verbesserte, der Schnupfen verschwand. Für eine Woche. Dann kam er wieder, diesmal beide Nasenlöcher und blutig. Was wir nicht wussten, aber bald zu spüren und hören bekamen: Katzen fressen nur, wenn sie riechen können. Können sie’s nicht, hören sie auf zu fressen. Eine saudumme Angewohnheit. Nala, unsere Bonsai‐Mieze magerte innerhalb kurzer Zeit ab, man konnte die Knochen ihres Rückgrates spüren.

Susann war mit ihr bei der Tierärztlichen Hochschule, wo sie geröntgt wurde und CT gemacht wurde, ohne dass sie etwas gefunden hätte. Wir standen, wie auch die Tierärzte ratlos dar, und gaben ihr querbeet Medikamente. Nachdem Motto, die Hoffnung stirbt zuletzt, wurde auf den Bescheid auf Hannover gewartet.

Am Vor‐Silvester‐Tag lag sie den ganzen Nachmittag in meinem Abend, die Zunge hing ihr schon aus dem Maul, eine Phänomen, für das es Erklärungen gab, die aber allesamt nicht besonders beruhigend waren. Sie guckte in zwei verschiedene Richtungen und bewegte sich kaum. Sonst war es wie immer. Am Abend kam Susann zu dem Schluss, dass der einzige Grund, warum Nala, dass sie sie nicht gehen lassen wolle. Sie rief eine Tierärztin an, und wir fuhren in der halben Nacht nach Rendsburg. Ich blieb im Auto, Susann ging zur Tierärztin. Nach zwanzig Minuten, die sehr, sehr lang war, kam sie wieder raus, und meinte: »Sie lebt!«. Die Tierärztin war nicht der Meinung, dass es schon Zeit für Nala wäre, es würde noch Hoffnung bestehen. In solcher Situation protestiert man nicht, ich war einfach fassungslos: Die Augen schauten nicht so, wie sie wollte; die Zunge hing ihr aus dem Mund, sie bekam Tabletten, Nasentopfen, Infusionen und wurde künstlich ernährt. Hoffnung sieht bei mir, und ich bin mehr Optimist als Realist, anders aus.

Abgesehen davon, dass Katzen Tabletten und künstlicher Ernährung gegenüber nicht positiv eingestellt sind und es jedesmal ein Krampf ist, eine Katze zu überzeugen.

Gestern lag sie dann den ganzen Nachmittag, eingerollt in meinem Arm. Eine Decke über ihrem Körper. Es war ein Abschied, wieder einmal. Wie vorher schon drei‐, viermal.

Heute gab es dann Nachricht von der Hochschule: Was es für ein Tumor wäre, können nicht gesagt werden. Die Zellen wären so degeneriert, dass es sich nicht mehr feststellen ließ. Der schlechte Gesamtzustand der Katze ließe darauf schließen, dass eine Therapie nicht mehr angebracht sei. Da hatten sie wohl recht, schließlich ist seit ihrer Diagnose noch ein wenig Zeit vergangen und die Zeit hatte Nala nicht genützt.

Heute nachmittag ließ Susann Nala einschläfern.

2015-07-28T11:55:45+00:002. Januar 2007|Categories: Katzen|Tags: , , , , , |Kommentare deaktiviert für Halbmast