Terra Gallus

Umwege

Am Abend erklärte Rüdiger, dass er nicht mehr nach Hause wolle. Wir können ja wieder zurück, aber er würde bleiben. Das war nachdem wir in Clarens angekommen waren, aber noch vor dem unschlagbar günstigen und leckeren 300-Gramm-Filet-Steak und der Creme Brulée. Danach hatte sich seine Meinung weiter verfestigt.

Der Tag begann für mich damit, dass ich fror. Am Vorabend hatte ich mir ein Stück der gemeinsamen Decke reserviert. Nicht zu viel, da es warm war. Ich hätte gern das Fenster aufgemacht, durfte aber nicht. Es wäre besser, wenn ich eine Liste machen und den Hotels vorab zusenden würde, was auf unseren Zimmer nicht vorhanden sein sollte. Das Vorhandensein von Insektenspray führte nämlich dazu, dass die beste Ehefrau erklärte, dass die Welt draußen aus Ungeziefer bestehen würde, welches nur in unser Zimmer wolle – ansonsten hätten die dieses Zeugs nicht so offensichtlich dort hingestellt. Auf der Liste würde also stehen, dass solches Spray vorhanden sein dürfe, aber Bitteschön ein wenig versteckter. In der Nacht hatte die beste aller Ehefrauen jedoch meine Reservierung an der Decke gecancelt und sich schön eingemummelt, während ich mich deckenlos wiederfand. Aber Kälte macht wach. Es war 5.30 Uhr.

Pünktlich fanden wir uns gestern Morgen beim Frühstück ein. Die Dame des Hotels begrüßte uns persönlich und erklärte und, wie sehr sie sich freue, dass wir bei ihr wohnen würden. Sie kam später auch noch mal zum Auto und verabschiedete uns. Einfach reizend. An das Frühstück werden wir uns gewöhnen können: Eier, Würstchen, Speck, Pilze, Tomaten. Dazu ein wenig Toast. Wir saßen im Garten, die Vögel sangen uns ihre Liedchen und in der Ferne hörte man das Rauschen des Verkehrs.

Henry, der Transfer-Bus-Fahrer, war pünktlich zur Stelle und fuhr uns zum Mietwagen-Verleih. „So weit ist das doch gar nicht“, hörte ich Rüdiger hinten sagen. Es sollten nur fünf Kilometer sein, aber die Namen kein Ende. Leichte Zweifel hatte ich auch, aber Henry kannte sich in der Stadt aus und wir nicht. Letztlich kamen wir an unserer Mietwagenstation von Europcar an, sahen auf dem Gelände ein paar Geländewagen und waren beruhigt.

Das Prozedere der Anmietung dauerte seine Zeit, aber hier ging es viel, viel schneller als in Windhoek. Wir fahren mit zwei Wagen – der eine ist ein Hilux, der andere ein Ford. Der Hilux ist zu meinem Erstaunen ein Automatik-Fahrzeug, der Ford nicht. Wenn man der Ford-Gruppe, die deckungsgleich mit den Aschebergern ist, zuhört, gehen die Meinungen der die Schaltung ein wenig auseinander. Während Lennard und Iris mit der Schaltung zufrieden sind, soll es lautes Geschimpfe von Rüdiger gegeben haben.

Unsere Navis sind auch kleine Wunderwerke der Technik. Schon zu Hause konnte ich die Routen austüfteln, abspeichern und sie waren automatisch auf dem Navi geladen. Sie ließen sich auch exportieren, so dass ich sie nach Ascheberg senden konnte, wo sie auch auf dem Navi landen sollten. Was sie auch taten, aber nicht aktiv angezeigt wurden. Darüber informierte mich Rüdiger, kurz bevor wir losfuhren. Wäre aber kein Drama, meinte er, er würde uns einfach hinterherfahren.

Vorher hatte er aber noch an unserem Navi herumgespielt, um eine grobe Richtung zu haben und zu wissen, welchen Ausgang wir nehmen würden – die Mietwagen-Station hatte zwei Ausfahrten -, was zur Folge hatte, dass ich die Anzeige meines Gerätes nicht mehr verstand. Es zeigte mir an, dass ich in so und so viel Metern abzubiegen hätte, aber die Straßen-Darstellung war in der falschen Richtung. Das hatte es noch nie getan. Ich war bös irritiert und wir legten schon nach zwei Kilometern den ersten Stopp ein, um auszuprobieren, wie sich das richten lässt. Dann hatten wir das und das Abenteuer konnte richtig beginnen.

Unsere Navis sind offenbar auch kleine Wunderwerke der Empfindsamkeit. Es muss gespürt haben, das wir in einem fremden Land sind, uns nicht auskennen und im Straßenverkehr ein wenig üben sollten. Anders lässt es sich nicht erklären, warum es uns links abbiegen ließ, dann nach rechts, noch mal nach rechts und dann wieder nach links – womit wir auf Straße waren, wo wir vorher schon waren, ohne etwas gespart zu haben. Allerdings hatten wir das einigermaßen heikle „Rechts abbiegen“ geübt.

Nach einiger Zeit kamen wir an der Gegend vorbei, in der unser Hotel gelegen hat und konnten getrost feststellen, dass wir vielleicht das Gefühl hatten, wir wären von Henry eine Ewigkeit gefahren worden; dass er aber nicht so falsch mit seiner Route lag. Im Gegensatz zu der von uns gefahrenen, war seine sogar ein Ausbund an Geradlinigkeit gewesen. Dann kam endlich eine Straße, die uns den Weg aus der Stadt weisen sollte.

Aber nicht tat, denn kurze Zeit später sahen wir uns einer Sperrung ausgesetzt. Wir sahen im Anschluss von Johannesburg, als wir geplant hatten: seinen Verkehr, seine Geschäftigkeit, seine Armut, seinen Dreck. Das Vergnügen hatten wir zweimal, denn einmal hatte ich eine Ausfahrt seiner Umleitung verpasst, so dass wir die Tour noch einmal fuhren. Bei der zweiten Runde bemerkten wir, dass es keine echte Umleitung war, sondern das Navigationsgerät uns immer wieder auf die alte Route zurückbringen wollte, die aber nicht passierbar war.

Unsere Navis haben offenbar auch Gefühle. Sie mögen es überhaupt nicht, wenn man sie ignoriert. Dann quengeln sie wie kleine Kinder und brüllen immer »Bitte wenden« oder »Bitte bei der nächsten Gelegenheit wenden«. Fehlt eigentlich nur noch das kategorische »Wenden« und Geheule. Wir ignorierten dass, das wir beschlossen hatten, immer Geradeaus fahren, bis er sich eine neue Route überlegt.

Das war ein guter Plan. Er funktionierte.

Die nächsten Kilometer waren ereignislos und wir fuhren bis Heidelberg, wo wir in einer Mall uns mit Wasser, Früchten und Keksen versorgten. Rüdiger vermisste seine Brieftasche, es scheinen sich gewisse Routinen zu entwickeln.

Dann ging es über Landstraßen weiter Richtung Clarens.

Normalerweise hätten wir die Route innerhalb von vier Stunden bewältigen können. Das gelang uns nicht. Sieben Stunden wurden es ganz ohne Trödelei. Der Grund waren zahllose Baustellen mit Teilsperrungen. Ewig lange Strecken, in denen man eine Spur für sich hatte, aber auf Schotter fuhr und auf der rechten Seite die normale die Straße sah, wie sie mal sein wird, wenn sie fertiggestellt war. Die Verkehrsschilder versprachen zwar Baustellenverkehr, aber ehrlich gesagt haben wir auf den Baustellen nur Personal gesehen, was den Verkehr regelt. Das wiederum war zahlreich zugegen.

Die Verkehrsschilder machten uns überhaupt viel Spaß. Mein Favorit waren auf den einspurigen Schotterpisten waren die Überholverbotsschilder. Henrik hatte seinen besonderen Spaß an den Schlagloch-Schildern. Die beste Ehefrau der Welt saß hinten und hatte keinen Favoriten.

Die Straßen waren mit dem Lineal gezogen. Sie führten uns immer geradeaus. Beim letzten Fahrerwechsel, mit dem Lennard seine Premiere als Südafrika-Fahrer hatte, gab ihm sein Bruder mit dem auf dem Weg: »Na fein, da kannst Du noch einmal links und einmal rechts abbiegen. Dann sind wir ja schon da.« Bei noch verbleibenden 140 Kilometern. Der einzige Höhepunkt den die Strecke bis Bethlehem zu bieten hatte, war ein brennender PKW-Anhänger. Neben der ersten Frage »Wie kann das passieren?«, stellte sich auch gleich die nächste Frage: »Wo mag hier die nächste Feuerwehr sein?« Es waren Kilometer von der letzten Stadt und viele Kilometer bis zur nächsten. Das Rätsel bekamen wir nicht gelöst.

Wir sahen unterwegs so viele Rinder, dass ich erklärte, dass ich am Abend auf alle Fälle ein Steak essen würde. So kam es dann auch.

Kurz nach fünf Uhr waren wir in Bethlehem. Hier verloren wir kurz den Ford mit den Aschebergern. Während wir bisher die Weiten genießen konnte, hin und wieder gab es mal Hügel zur Abwechslung oder die Stauseen, die Johannesburg mit Wasser versorgten und kleine Teiche, änderte sich hier schlagartig Landschaft. Ein Berg-Panorama tat sich auf und wir hätten alle zwei Minuten stoppen können.

Aber wir mussten nach St. Fort, um unsere Unterkunft zu beziehen und wir waren schon spät dran. Diese Unterkunft ist eingeschlossen von Bergen und wir stand nach der Ankunft da und konnten nur »Wow« sagen. Eine ältere Dame nahm uns in Empfang, sehr freundlich, sehr gut zu verstehen und führte uns in die Räume. Die sind etwas kleiner als die in Johannesburg, aber nett eingerichtet. Es handelt sich um eine Hochzeits-Location und so gibt es Schaukeln, für das Brautpaar; Bildrahmen, Kaninchen, einen Teich mit Vögeln und Weiden … all so ein Zeugs halt.

Rüdiger erklärte, dass er nicht mehr nach Hause wolle.

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